Der erste Übersetzer und Forscher Kafkas

 

"Man kann den syrischen Übersetzer Ibrahim Watfe (Jahrgang 1937 in Tartus) als den wirklich ersten Übersetzer und Forscher Kafkas in der arabischen Sprache bezeichnen. Er widmet ihm seine Lebensaufgabe, die die Übersetzung und Veröffentlichung des nahezu vollständigen Werks Kafkas im Arabischen sowie eine große Sammlung der wichtigsten Studien über Kafkas Werk erbrachte. Watfe sagt über seine Beziehung zu Kafka: `Ich kannte eine solche Identifizierung mit keiner anderen Person oder in keinen einen anderen Fall. Kafka ist näher zu mir als jeder andere Mensch, den ich persönlich oder durch Lektüre je in meinem Leben kannte`".

Der Lyriker und Kritiker Najwan Darwish (am 10.11.2019 in der Zeitung "alaraby al jadid" Der neue Araber).

Von Kafka beseelt

Gruß dem Schriftsteller und Literaten Ibrahim Watfe
Übersetzer des Gesamtwerks Kafkas

 

Der in Deutschland lebende arabisch-syrische Schriftsteller und Übersetzer Ibrahim Watfe stellt ein einzigartiges Vorbild in der modernen arabischen Kultur dar. Kaum wurde jemand wie er in dieser unserer Kultur von einem bestimmten Thema derart beherrscht. Er investiert dafür alles an Zeit, Geld, Gesundheit und Lebenskraft, damit er uns am Ende voller Freude, Glück und Stolz das Ergebnis seines Engagements und seiner Mühe anbietet, zufrieden mit unserem Dank und unserer Verbundenheit. Mehr erwartet er nicht, weder Ruhm noch Reichtum oder andere Äußerlichkeiten unseres vergänglichen Irdischen Lebens. In der Tat erhielt er seinen Lohn, indem er das leistete, was er sich zu leisten wünschte. Mehr nicht. Dieses genau ist sein unschätzbarer Verdienst. In unserer Kultur ist ein Vorbild wie Ibrahim Watfe selten, in der westlichen Kultur dagegen häufig vorhanden. Das letzte Beispiel ist jener englische Schriftsteller, der drei Jahrzehnte seines Lebens mit der Edition des Gesamtwerks des berühmten Schriftstellers George Orwell verbrachte. Dass er seine Arbeit vollenden konnte, war sein höchstes Glück.

Das Thema unseres arabischen Literaten Ibrahim Watfe ist die Übersetzung Kafkas ins Arabische und seine richtige und fehlerfreie Vorstellung bei den arabischen Intellektuellen und Lesern, die meistens über Kafka nichts weiter wissen, als dass er jener wunderliche Mensch ist, der eine Geschichte über einen Mann schrieb, der sich in eine Grille verwandelte. Ohne Zweifel ist dieses nur eine Version unserer zahlreichen oder unzähligen Trauerfälle, die die Sümpfe unserer fauligen Kultur entstehen lassen. Unsere Intellektuellen – sagen wir. Die meisten von ihnen, damit wir der benachteiligten Minderheit kein Unrecht tun – wissen z. B. nicht, dass Kafka (in Prag geboren wurde, dort lebte und auf Deutsch schrieb) der ersten Generation dieses Jahrhunderts angehörte und in der kommunistischen Tschechoslowakei verboten war. Ihre Herrscher erkannten die Gefahr, die ihnen von Kafka drohte, obwohl er kein einziges Wort gegen den Kommunismus sagte. Sie verboten ihn, weil er die Herrschaft. Die Willkür, den Bürokratismus, die Fäulnis und die Gemeinheit verurteilte. Dieses alles waren, wie sie wussten, ihre Merkmale und auch die Merkmale vieler anderer despotischer Regime. Kafka war aber kein ideologischer Kämpfer oder begeisterter Redner. Kafka war ein sensibler Dichter, ein Mensch, der den Pfaden der Propheten nahe war, er war ein existezieller Philosoph, scharf blickend, scharfsichtig.

Dieses ist Kafka, von dem Ibrahim Watfe wollte, dass wir ihn kennen lernen sollten.

In den vorigen zwei oder drei Jahrzehnten lasen die arabischen Leser einige Werke kafkas, u.a. seine drei Romane: „Der Prozess“, „Das Schloss“ und „Amerika“ und seine Novelle oder Kurzroman „Der Verwandelte“ oder „Die Verwandlung“ – wie Ibrahim Watfe übersetzt -, sowie einige seiner anderen Erzählungen. Aber all diese Werke sind von englischen oder französischen Übersetzungen übersetzt, bis auf ein einziges Werk, sein Roman „Das Schloss“, den der ägyptische Akademiker Dr. Mustafa Maher direkt vom Deutschen übersetzte. Ibrahim Watfe übernimmt die Übersetzung Kafkas Gesamtwerks direkt vom Deutschen. Das ist nicht der einzige Vorzug dieses ehrgeizigen Projekts, sondern es zeichnet sich auch dadurch aus, dass es eine programmatische, organisierte und wissenschaftliche Übersetzung des kafkaischen Erbes ist. Es ist also keine reine planlose, selektive Übersetzung, sondern eine geduldige, bedächtige und objektiv und geschichtlich geordnete Übersetzung. Watfe zeichnet sich nicht nur durch seine Beherrschung der deutschen Sprache aus, sondern er ist in dieser Sprache versiert, er kennt ihre Feinheiten und Besonderheiten. Er hatte bereits eine Vielzahl bedeutender literarischer und theatralischer Werke anderer deutscher Schriftsteller übersetzt. Außerdem zeichnet er sich durch seine Genauigkeit aus und er ist bestrebt, die korrekteste Übersetzung des Textes zu erzielen. Er konzentriert sich sehr. Es ist hier nicht erforderlich, auf seine reine, genaue und fehlerfreie arabische Sprache hinzuweisen, die jeder genießt, der das Glück hat, ein Werk seiner Übersetzung zu lesen.

Der Literat Ibrahim Watfe hat bereits zwei Bücher übersetzt und veröffentlicht. Sie enthalten einige Texte Kafkas und eine ganze Menge Informationen über Kafka, seine Persönlichkeit, sein Leben, seine Umwelt, seine Zeit und vieles andere. In den letzten Wochen veröffentlichte er einen umfangreichen Band von 848 Seiten, der die beiden vorherigen Bücher und zwei neue Bücher enthält. Damit hat er ein beträchtliches Stück zurückgelegt, aber sein Drittel oder sein Viertel noch nicht erreicht, es bleiben noch die Romane, viele Erzählungen, die Tagebücher und die Briefe. Der Roman „Der Prozess“ aber ist offensichtlich schon fertig gestellt, denn der Übersetzer/Autor nennt bereits das Inhaltsverzeichnis des Buches, das den Roman mit Interpretationen enthalten wird.

Diese führt uns zu Watfes Methode bei der Übersetzung von Kafka und seiner Vorstellung bei den arabischen Lesern. Watfe bringt erst das übersetzte Werk, dann Hinweise, Interpretationen und Kommentare, die sich nicht damit begnügen, das übersetzte Werk zu interpretieren und zu kommentieren, sondern er stellt es in den Rahmen des Gesamtwerkes Kafkas und seines Lebens. So verfuhr er mit der Erzählung „Das Urteil“ im ersten, mit dem „Heizer“ im zweiten, mit der „Verwandlung“ im dritten und mit dem „Brief an den Vater“ im vierten Buch.

Kafkas „Gesamtwerk“ im Arabischen von Ibrahim Watfe besteht aus folgenden sechs Bänden:

  1. Erster band: Die Erzählungen

  2. Zweiter Band: Der Roman „Der Verschollene“

  3. Dritter Band: Der Roman „Der Prozess“

  4. Vierter Band: Der Roman „Das Schloss“

  5. Fünfter Band: Die Tagebücher

  6. Sechster Band: Die Briefe

Watfe schreibt: „Nicht jeder Band wird in einem Buch veröffentlicht, sondern es wird eine andere Teilung geben, nämlich nach den Themen, die Kafka in seinem Werk behandelte. Jedes Thema in einem Buch. Die drei Roman-Bände werden drei Teilen entsprechen, während jeder andere Teil Texte von der Erzählungen, Tagebücher und Briefe umfassen wird“.Und so geht es in dem jetzt erschienenen Band um die Familie, währende der Roman „Der Prozess“, der bald erscheint, im Rahmen des Motivs „Das Selbst“.

Die Werke Kafkas werden im Arabischen chronologisch veröffentlicht, was bis jetzt erschien, ist das Frühwerk.

Watfe erklärt seinen Arbeitsplan für dieses gewaltige Projekt, das jede Förderung durch Personen, arabische offizielle und nicht-offizielle Institutionen verdient, und schreibt: „Kafka schrieb die in diesem Band gesammelten vier Werke innerhalb von sechs Wochen. Icharbeitete an diesem Band neun Jahre ununterbrochen, bis auf sechs Monate Erkrankung (dieser Zeitunterschied passt vielleicht zum Unterschied zwischen einem Genie und einem Kleinangestellten). Das aber bedeutet nicht, dass jedes Buch vom Gesamtwerk so viel Zeit braucht. `Das Urteil` brauchte fünf Jahre. `Der Heizer`, `Die Verwandlung` und `Brief an den Vater` brauchten zusammen dreieinhalb Jahre. Jedes weitere Buch wird weniger Zeit benötigen. Bei der Zusammenstellung des Buches `Das Urteil` begann ich die Zusammenstellung des `Gesamtwerks`: Studien, Vorbereitungen etc. sind für das `Gesamtwerk` bereits geleistet. Und ab dem dritten Band werden die Studien viel weniger umfangreich, da der arabische Leser dann `den Faden` hat und nicht mehr viele Studien benötigt“.

Watfe schreibt: „Kafka lebte 40 Jahre und 11 Monate. Er verbrachte sein ganzes Berufsleben als `Beamter`, es wurde ihm nicht ermöglicht, sich ausschließlich seinem Schreiben zu widmen. Er schrieb während seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten. Er schrieb sein Gesamtwerk innerhalb von elfeinhalb Jahren, zwischen September 1912 und März 1924. Er starb, bevor er seine Botschaft beendete. Er starb verarmt. Aber der deutsche Verlag, der seine Bücher gegenwärtig verlegt, gewinnt Millionen Mark jährlich an diesen Büchern. Vielleicht ist die Frage erlaubt: Was hätte Kafka alles geschrieben, wäre es ihm möglich gewesen, sich seinem Schreiben intensiv zu widmen und wenn er lang gelebt hätte?

Watfe endet mit folgenden Zeilen:

„Kafkas Übersetzer verbringt sein Leben als Kleinangestellter, übersetzt in seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten. Aber im Gegensatz zu Kafka fand er nicht mal einen Verlag, der bereit ist, dieses `Gesamtwerk` zu verlegen“.

Diese letzten Zeilen zeigen, wie weit der Übersetzer seine tiefe Bindung zu seinem Dichter fühlt, da findet er große Kongruenz zwischen ihren Leben. Sie zeigen auch, wie erheblich die Schwierigkeiten sind, die dem Übersetzer bei der Veröffentlichung seines bedeutenden Projekts entgegentreten. Hier wiederholen wir nochmals unseren Aufruf für eine breite Unterstützung in jeder Hinsicht, damit dieses Projekt das Licht der Welt erblicken kann.

Dieser gewaltige Band umfasst neben den Texten von Kafka zahlreiche Interpretationen, Analysen und Informationen, die als ein einzigartiger Schatz an Wissen über Kafka gelten können und zum ersten Mal im Arabischen veröffentlicht werden. Darüber hinaus enthält der Band zahlreiche Fotographien seiner Familienmitglieder, Fotokopien seiner Handschrift und Titelseiten seiner Bücher auf Deutsch.

Unseren herzlichen Dank dem Schriftsteller und Literaten Ibrahim Watfe. Wir wünschen ihm die Vollendung seines Projektes, denn dieses – und gewiss wird er mit uns übereinstimmen – ist vor allem anderen der größte Erfolg, den er erhofft.

 

Al-Sayyed Hussein

„Al-Arab“ (London), 29.07.1999

Kafka

Das Labyrinth der Realität und die Realität des Labyrinths

 

“Literaturnachrichten”
(Wöchentliche Zeitschrift, Kairo)

 

Sehr geehrter Herr Ibrahim Watfe,

mit großer Begeisterung verfolgten wir dein Projekt der Übersetzung Kafkas und möchten Ihnen mitteilen, dass wir ein Sonder-Heft über diesen großen Schriftsteller vorbereiten. Wir würden uns freuen und es würde uns beehren, wenn Sie daran teilnehmen würden mit einem Beitrag über Ihr Projekt der Übersetzung dieses großen Schriftstellers und darüber, wie Sie durch ihn beeinflusst worden sind.

Wenn wir Ihnen dies spät mitteilen, dann geht das darauf zurück, dass wir lang versuchten, Ihre Email-Adresse zu finden. Nun haben wir sie endlich, und wir erwarten Ihren Beitrag, damit er im Dossier, das bald erscheint, mit veröffentlicht wird.

Falls Sie daran nicht teilnehmen können, bitten wir, uns dies mitzuteilen.

 

Hassan Abdel Maujud

Mit aller Liebe und Hochachtung

Cairo, den 24.12.2004

 

 

(Am 3. Juli 2005 erschien dann das Sonder-Heft / Nr. 625 unter der 0bigen Überschrift:

Es enthält:

  1. Einen Leitartikel mit dem Titel „Über Kafka“, geschrieben vom Herausgeber Gamal Elghitany, der auch als zweitwichtigster arabischer Romancier bekannt ist. In diesem Artikel hält er Kafka für „einen der wichtigsten Dichter in der Menschheitsgeschichte“, den man in jeder Zeit braucht. „Der in Deutschland lebende syrische Literat Ibrahim Watfe widmete sich lebenslang dem Studium Kafkas, seine vertieften Auslegungen und Studien in den beiden Bänden sind die ersten ihrer Art in der literarischen Übersetzung in der arabischen Sprache überhaupt“. Elghitany empfiehlt einem bestimmten großen ägyptischen Verlag, die beiden Bände zu übernehmen. Kafkas Erzählung „Das Urteil“ sei der Text, der Kafkas Gesamtwerk gegründet hätte. „Wir veröffentlichen sie in diesem Heft in der Übersetzung von Ibrahim Watfe“.

  2. Einen Aufsatz mit dem Titel „Kafkas Notwendigkeit“, geschrieben vom Romancier Mahmud Al Wardani.  Er las in seiner Jugend Kafka und neulich entdeckte er ihn wieder durch „die gewaltige Leistung des großen Übersetzers und Kritikers Ibrahim Watfe, den ich die Ehre nicht hatte, ihn persönlich kennen zu lernen. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, Kafka zu lesen, zu übersetzen, über ihn und über die Beziehung zwischen seinem Werk und seinem Leben zu schreiben, in einer Art und Weise, die ich bisher nicht kannte. Ibrahim Watfe ermöglichte mir, Kafkas Leben, die Orte, in denen er lebte, seine Beziehung zu seinem Vater, seinen Misserfolg mit allen Frauen, die er kannte, seine Schreibweise, seine Biographie und die Entstehungsdaten seiner Werke zu betrachten und darüber nachzudenken“… „In meiner Jugend las ich Kafka und in der Reife des Alters las ich viele seiner Werke noch einmal. Was mich in Erstaunen versetzt, ist, dass Kafka noch frisch und gegenwärtig ist, als ob er in unseren Tagen geschrieben hätte“… „Sein `Brief an den Vater` ist großartig, eine Kostbarkeit“. „Was mich betrifft, legte der Gelehrte Ibrahim Watfe den Streit um Kafkas Zionismus endgültig bei. Er führte bestimmte Texte und Tatsachen an, die mich ganz überzeugten. Kafka ist viel größer, als dass man ihn in dem Käfig des Zionismus einsperren könnte. Hinzu kommen noch die schneidenden Texte, die Ibrahim Watfe im ersten Band seines gewaltigen Werks anführt“. (Anm.: der neueste Roman des Al Wardani ist eine Nachahmung von Kafkas Roman „Der Prozess“. I.W.).

  3. Die Erzählung „Das Urteil“, entnommen wörtlich dem ersten Band, mit einem langen Vorwort, mit aus dem Band ausgewählten Zitaten, dann: „Der Übersetzer ist Ibrahim Watfe, der sich lebenslang der Übersetzung Kafkas widmete; man kann kein Sonderheft über Kafka machen, ohne über Watfe zu sprechen. Im Jahre 1957 las er die Erzählung „Die Verwandlung“, sie beherrschte seine Gefühle, er wusste nicht warum. Er fühlte die Wichtigkeit dieses literarischen Werkes und die Bedeutung Kafkas, der in seinem Leben eine Rolle spielen würde. Anfang 1963 zog er von Syrien nach Deutschland. Nachdem er die deutsche Sprache lernte, war  Kafkas „Erzählungen“ das erste Buch, dass er sich kaufte. In seinem Germanistik-Studium konzentrierte  sich Watfe auf das Studium des Gesamtwerk Kafkas und seit jener Zeit  wurde seine Beziehung zu dem Dichter nicht unterbrochen. Er las mehr als hundert Bücher und mehrere hundert Aufsätze über ihn, es vergeht keine Woche, ohne dass er Neues über Kafka liest. Hier bringen wir seine wunderbare Übersetzung der Erzählung „Das Urteil“.

  4. „Der Mensch besitzt seine Freiheit / Er soll nur sagen: `Ich selbst`!“ entnommen dem ersten Band (S. 73-84, Kafkas Text „Jeder Mensch ist eigentümlich“, bei Neumann S. 103-115), mit einem langen Vorwort, mit aus dem ersten Band ausgewählten Zitaten.

  5. „Zeittafel über Kafkas Leben und Werk“, entnommen dem ersten Band, S. 152-159.

  6. „Kafkas Interpretationen“, entnommen dem ersten Band, S. 177-193.

  7. „Kafkas Identität“, entnommen dem ersten Band, S. 205-214.

  8. „Erzieherin in der Familie Kafka erinnert sich“, mit einem Vorwort entnommen dem ersten Band, S. 290 – 300.

  9. Ankündigung, bald „Brief an den Vater“ im Wortlaut zu veröffentlichen.

 

Das Sonder-Heft enthält noch vier weitere Beiträge:

1.        „Aus Kafkas Tagebüchern“, von einem anderen Übersetzer, versehen mit vielen Bemerkungen und Zitaten aus dem ersten Band „Gesamtwerk“.

2.        „neun Szenen aus Kafkas Leben“.

3.        Zwei Gespräche mit zwei weiteren Kafka-Übersetzern.

4.        Umfrage über Kafkas Wirkung bei 15 arabischen Schriftstellern. 14 positive Beiträge, der 15. Schriftsteller  meint, Kafka sei „langweilig“. Der Nobelpreisträger Nagib Machfus sagt u.a. „Der Prozess“ sei das seinem Herzen am nächsten liegende Werk Kafkas.

Verrat an Kafka

Seine Nacht ist immer noch zu wenig Nacht

 

Jede neue Rückkehr zur Lektüre von Kafkas Arbeiten ist ein Verrat an seinem Testament („verbrenne diese Kritzeleien“), das sein Freund Max Brod nicht vollstreckte. Denn diese Lektüre stellt uns von Angesicht zu Angesicht vor einen Dichter, den wir noch nicht entdeckten; früher bildeten wir uns ein, ihn zu kennen. Unsere Sehnsucht nach Kafka, von dem wir glauben, dass wir ihn kennen und seine Welt erfahren, wird von Kafka, den wir jetzt treffen, vernichtet; so, als ob wir ihn zum ersten Mal treffen. Es scheint mir sogar, die Mengen an Papier wurden geschrieben, um seine Symbole zu interpretieren, seine Seltsamkeiten aufzuzählen, seine mit Wundern angereicherte Luft zu atmen, doch man hat die Maske vom Gesicht jenes Dichters nicht weggezogen, der zugab, dass sein Leben aus Schreibversuchen besteht, sondern seine Undurchsichtigkeit vermehrt und ihn in den mit Zweifeln eingezäunten Ort gestellt. Jede neue Lektüre der Dichtung Kafkas lässt die vorherige Lektüre bezweifeln, obwohl der Leser gut erkennt, dass Kafka, den er früher las, nichts anderes war als Illusion. Er bemüht sich, ihn die neue Lektüre zur Wahrheit führen zu lassen. Aber der Weg, der zu Kafka führt, gleitet oft auf Nebenwege, die vorbildliche Verkörperung des Labyrinths eines Mannes, der nach Einsamkeit verlangend sagte: Die Nacht ist immer noch zu wenig Nacht. Die Rückkehr zu Kafka rückt ihn weg von dem Ort, den er in der Erinnerung besetzte. Es erscheint ein neuer Kafka, der eine Fragenquelle ist nach Interpretationen, mit denen wir uns vorher nicht versöhnten: Es scheint mir, Kafka, dessen literarisches Alter nicht elfeinhalb Jahre überschritt (von September 1912 bis März 1924) und der Zeit seines Lebens nicht mehr als zwei hundert Seiten veröffentlichte, wusste, dass das Geheimnis des Elends, das er frühzeitig entdeckte und in seinen drei Romanen, die er nicht veröffentlichte, zum Ausdruck brachte, der zentrale Punkt des künftigen realistischen Lebens sein wird.Deswegen ordnete  er das Verbrennen seiner drei Romane an, weil sie nach seiner Auffassung keinerlei Rezept oder Lösung enthalten, sondern nur eine seltsame moralische Idee, die der Liste  der traditionellen Ideen Neues hinzufügt;Ideen, denen wir uns resignierend unterwerfen, wie die Liebe, Aufopferung und Hingabe etc … Die Erniedrigung ist die neue unsterbliche Idee, die Kafka hinzufügte und die so viel Interesse verdiente, so dass Unmengen von Papier  mit Schriften über sein Werk gefüllt wurden.

 

2

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“. Kafkas erster Satz in seinem Roman „Der Prozess“ wiederholten später Millionen Zungen in unserem mit Unrecht, Willkür und Unterdrückung vollen Zeitalter. Er wurde zu einem vulgären, verbreiteten, ordinären und abgenutzten Satz, der möglicherweise nichts Bestimmtes meint. Denn er sagt nur, was man nicht mit Leichtigkeit erkennt und versteht: Die Mechanismen der Macht in der Konfrontation mit dem Einzelnen. Und weil die Macht ein abstrakter Begriff ist, fand der Mensch durch ihn eine Art von Kraft. Denn die Macht wurde zum Zeichen von Erniedrigung des Anderen, dem Schaden zugefügt wird, nur weil er ein Anderer ist. Nach Kafka wurde die Welt kafkaesk. Sicherlich war die Welt auch vor ihm so, aber jenen Satz hat keiner vor ihm geschrieben. Kafka formulierte das Geständnis, das ein Teil der Tagebücher der Menschheit von Chile bis China geworden ist. Es gab immer einen verleumdeten Josef K., der zum Gefängnis geführt wird, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Kafka wurde ein Adjektiv. Das ist, was uns ins Missverständnis stürzte. Kafka wurde zum Zeichen des Pessimismus, der Melancholie und des Schreckens. Es wird gesagt, Kafka war nach Auffassung seiner tschechischen Landsleute ein humoristischer Schriftsteller. Meine Lektüre seiner Romane qualifizierte mich bis jetzt nicht, diese groteske Überzeugung zu begreifen. Aber ich denke an den Abstand, der uns von ihr und ihrer Zeit trennt. Es ist ein Abstand, der vom Missverständnis bewacht wird. Lauschte Kafka zum Beispiel einer krankhaften Einbildungskraft, die Produkt seiner komplexen, persönlichen Fremdheit war, oder hütete er eine Prophetie, die er geheim lassen wollte bis nach seinem Tod?

 

3

Oft beginnt Kafka seine Erzählung mit dem Satz, der alles sagt, einem Satz, ähnlich wie der Schluss. Als ob er umgedreht schreiben würde, der Mann, der heute als einer der größten Klassiker des modernen Schreibens gilt. Diese seine schockierende Technik stellt den Leser in einen Brutkasten einer neuen Lektüre, die sein Erziehen lektürerisch neu macht. Denn der Satz, der alles sagt, begleitet ihn bis zum Ende wie ein schwebendes Fragezeichen. Daher kann ich sagen, Kafka war bestrebt, eine fragende Art von Lesern zu bekommen, eine Art, die ihm gleicht und sich vergleicht mit seinen Figuren, die gedrängt werden, ihrem fremden Schicksal entgegenzutreten. Der erste Satz in seiner Novelle „Die Verwandlung“ sagt: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Die Novelle beginnt also vom Ende her. Die menschliche Kreatur, die Gregor Samsa war, hat zu existieren aufgehört, damit der Lebenslauf des in seinen Tiefen verborgenen Insekts beginnt. Jenes Insekt konnte das Licht nicht sehen, ohne die bitteren Erfahrungen, die Samsa zu einem Labor für Demütigung, Erniedrigung, Isolierung und Unterordnung machte. Nach dieser Verwandlung erlebt der Leser die Absurdität des genussreichen Lesens. Während das Insekt sein Leben weiterführt, gibt es einen Widerstand leistenden menschlichen Aspekt, der sich auf einen Bereich voller unerfreulicher Entdeckungen erstreckt; es ist das beunruhigende Gelände, in das Kafka seinen Leser stellt. Ihm wird klar, die Entfremdung Samsas in seiner Form als Ungeziefer ist seine (des Lesers) Entfremdung als Mensch. Er ist überflüssig und unnötig; seine Arbeit hatte Anderen Geborgenheit gebracht und ließ sie die Wohltat des Faulenzens kosten. Während Kafkas Leser nach etwas suchend zwischen den Zeilen wandert, hört er nicht auf zu fragen, ob vielleicht das Ende von Samsas Leben bloß eine Art von Scherz war, den eine vorübergehende Müdigkeit diktierte. Dieser Wunsch trifft aber auf das traurige Ende, das die Frage des Lesers zu einem kafkaischen Zweck macht.

 

4

Ich frage mich jetzt: Warum bemühten sich viele (an ihrer Spitze steht der reumütige Kommunist Rouje Garoudi), den Realismus Franz Kafkas nachzuweisen? Denn Kafka war und ist immer noch der realistischste Dichter unter den Dichtern unserer Zeit. Man wäre geneigt zu sagen, sein Realismus inspiriert der Realität noch mehr unreife Realität. Ich erinnere mich, dass icheines Tages während eines Rundgangs in einem schweizerischen Museum vor dem entsetzten Hund von Jiakomtiin stand und nur noch an mein eigenes Entsetzen dachte, wie ich in dem Hund eine Prophetie für das sah, was mich später persönlich ereilte. Mit Sicherheit gibt es Millionen von Menschen, die nach der Lektüre der „Verwandlung“ zu der Überzeugung gelangten, dass Samsa nichts anderes war als prophetische Spiegel für sie, für ihr mit Angst, Entfremdung und Umherirren erfülltes Kommen. Ihr verspätetes Erscheinen bedeutet nicht die Erstaunlichkeit der Welt, die Kafka erfand. Sie können sagen: Wir kamen verspätet aus der Wahrheit, und so kehrt jedes Wort, das Kafka schrieb, an seinen realistischen Platz zurück. Viele standen ratlos vor einer Frage wie: Wer gehört dem Anderen, die Realität oder Kafka? In dem Sinn, war Kafka realistisch oder wurde die Realität kafkaesk? In Wirklichkeit war Kafka vor allem kafkaisch, in dem Sinn, der sein persönliches Leben, das nicht vierzig Jahre und einige Monate überschritt, als Maßstab für die Erfahrung der gesamten universellen Schöpfung macht. Kafka sah sein persönliches Leben vom Aspekt seiner symbolischen Dimension her, als ein mögliches Leben, das keinem bestimmten Einzelnen gehört, auch wenn es ihn als sein Opfer auswählte. Daher war das Beschreiben nicht seine Sorge, sondern er sagte die Wahrheiten, die er von seiner Sensibilität her prüfte, als Schöpfer, der in einer historischen Eingebung erschien. Charles Dickens wirkte auf ihn, aber er besaß die fröhliche Phantasie nicht, die ihm erlaubte, Figuren in Form von Alice im Wunderland zu erschaffen. Daher war Kafkas Realismus kein interpretationelles Wunder, sondern eine erneute Lektüre kann uns den Verrat  fühlen lassen, nicht weil wir seine Kritzeleien nicht verbrannten, sondern weil wir ihm nicht gut zuhörten, denn das Hören auf ihn könnte uns vom Schicksal des Endes Samsa´s  retten.

 

Farouk Josef

„Alquds Alarabi” (London), 10.07.2005

Wenn der Leser ein verborgener Gefährte ist

 

Watfe und Akhrif sind verzauberte Gäste

am Tisch Kafkas und Pessoas

 

1

„Betrachten Sie mich bitte als Traum“, der portugiesische Dichter Fernando Pessoa könnte es sagen anstelle des deutschen Dichters (tschechischer Herkunft und Lebensart) Franz Kafka. Er hat es wirklich gesagt durch seine Gefährten, die drei Dichter, die er erfunden hat, damit jeder von ihnen eine dichterische Existenz stiftet, die sich von seiner eigenen unterscheidet… Pessoa lebte vier Leben … Kafka aber war es nicht beschieden, mehr als ein Leben zu leben; daraus schied er enttäuscht, seine Enttäuschung verfolgt uns wie ein erschreckter Panther. Die beiden Dichter kamen, damit sie entschwanden, als sie fühlten, dass ihr Kommen möglich wurde. Das ist genau das, was die Träume tun.

… (sechs Verse)

 

2

Pessoas Versen kann man Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ المسخ (oder الانمساخ in Ibrahim Watfes Sprache) zufügen. Jede Zeile von Kafkas kurzem Roman erinnert an diese Verse.

… (Vergleich zwischen Gregor Samsa und einer Figur bei Pessoa).

 

3

Die Kapitelfolge im wichtigsten Roman Kafkas verwirrt immer noch die Forscher, das Gleiche gilt für Pessoa. Die Hefte, in denen die beiden Romane niedergeschrieben wurden, sind nicht nummeriert und die Kapitel tragen keinen Hinweis auf deren Folge. Mit Ausnahme vom ersten und letzten Kapitel bei Kafka wurde die Ordnung der Kapitelfolge Gegenstand  vieler Bemühungen …wie bei Kafka, so auch bei Pessoa… Die Verzweiflung der beiden Dichter erklärt diese Tat nicht, sondern ich kann mir vorstellen, dass sie spielten, um einen Leser zu finden, dessen Genie ihre beiden Romane, die mit der Zeit zu Rätseln wurden, zu ihrer Originalform führen würden. Pessoa sagte: „Ich konnte nie ein Buch lesen, indem ich mich ihm ergebe, mit jedem Schritt kommt der Kommentar (von der Phantasie), der die Erzählfolge unterbricht. Nach Minuten werde ich der Schreiber des Buches, und was drinnen ist, steht in keinem Buch“.

 

4

Ibrahim Watfe bietet seine Eigenschaft als Leser an. Das ist, was auch Ahkrif im Bezug auf Pessoa macht. Auf den ersten Blick scheinen die beiden ein ungeheuerliches Maß an moralischer Bescheidenheit zu haben, im Gegensatz zu dem, was sie leisteten an Übersetzung, Forschung, Verfassung und Untersuchung. Die Verlockung jener Bescheidenheit aber zeigt schnell die Wahrheit des Begriffs „Leser“ bei beiden Schriftstellern. Und mit dem versuchten sie, sich in die arabische Kultur einzuschleichen durch ihre beharrlichen, unermüdlichen, sorgfältigen, geduldigen, vollendeten und eleganten Bemühungen. Es ist der gleiche Begriff, der in Pessoas Satz steckt: Der Leser, der sich den Schriftsteller aneignet und dessen er sich bemächtigt, wird sich mit ihm identifizieren in einem entgegenwirkenden Schaffungsmoment. Er plagiiert ihn nicht, sondern er ergänzt seinen Weg, jedoch mit anderen Werkzeugen und Instrumenten. Der Leser hier wiederholt die Schrift mittels einer anderen Sprache, nicht nur, indem er übersetzt, sondern auch, indem er in Umlauf setzt, was er durch sein Denkvermögen an visionären Aufdeckungen erlangte. Watfe gestattet sich zum Beispiel, eine neue Kapitelfolge für Kafkas Roman „Der Prozess“ vorzuschlagen. Er, der  von Kafka entzückt und begeistert ist, würde das nicht tun, hätte er gefühlt, seine Tat würde irgendeinen Kratzer im Lebenslauf jenes großartigen Romans bedeuten, sondern seine Verinnerlichung Kafkas diktierte ihm diese Art Eingebung. Watfe und Akhrif (vielleicht kennen sie einander nicht) sind Typen des einzigartigen Lesers, den Pessoa vorschlug und Kafka verzweifelte, ihn zu finden, und er ist es, der sagte: „Ich strebe nicht nach Sieg“. Aber gilt das  Erscheinen eines Lesers vom Niveau und von der Art  Watfes, oder Akhrifs, nicht als Sieg des Schreibens?

 

5

Vor dreißig Jahren las ich Kafka, alle seine Romane waren übersetzt. Als ich ihn aber in der Sprache Ibrahim Watfes las, kam ich zu der Überzeugung, dass das, was wir kannten, nicht Kafka war, sondern sein Schatten. Wir erfanden das Gespenst Kafkas, weil wir es brauchten. Wir begnügten uns mit jenem Gespenst, bis Watfe erschien, damit er uns das Original bringt, denn der Mann verbrachte die dreißig Jahre, die wir damit verbrachten, die Illusion Kafka in unseren Spiegeln immerfort zu sehen, mit der Suche nach der Wahrheit Kafkas. Es ist eine beispiellose Arbeit, so gut wie ein Wunder  in unserem arabischen Leben und unserer arabischen Kultur, dass ein Intellektueller sein ganzes Leben einem bestimmten Universaldichter widmet, soll ich sagen für uns? Was Watfe machte, machte auch Akhrif, als er den Arabern einen Dichter schenkte, der notwendig und entscheidend in seiner Modernität ist. Nach den beiden können wir sagen: Wir kennen Kafka und Pessoa, wir kennen sie, als ob sie für uns geschrieben hätten, gewiss taten sie es. Watfe teilt uns die Namen einer Vielzahl von deutschen Kafka-Lesern mit, das sind jene Forscher, die sich verschworen haben, wie Watfe selbst es gemacht hat, damit die Undurchsichtigkeit des Dichters, für den sie sich begeisterten, realistisch und tiefsinnig wird. Ich bin überzeugt, dass Akhrif die gleiche Neugierde wie Watfe besitzt. Ein Leser dieser Art ist der Gesandte des Dichters und der Träger seiner Botschaft, der nicht aufhört mit der Ausgrabung eines Funkens, der sich in sich selbst noch zurückzieht. Dieser Leser ist der Kompass, der mit lebendiger Phantasie arbeitet, die das Lesen an die Grenzen seines richtigen Verstehens führt: Eine intuitive Tätigkeit, die von ihrer Notwendigkeit her gleichwertig ist mit dem künstlerischen Schaffen.

 

Faruk Josef

Al-quds Al-arabi (London), 19.10.2005

Meine Entschuldigung bei Kafka und seinem arabischen Herausgeber

 

Vor Jahren, vielleicht fünf, schrieb ich einen Artikel über das Buch „FranzKafka: „Gesamtwerk mit Interpretationen“ (zweiter Band) mit der Überschrift „Kafkas Übersetzer“. Es war einer meiner täglichen Artikel in der Glosse auf der letzten Seite der libanesischen Tageszeitung „Alschark“ (Der Osten). Damals lobte ich die Bemühung des syrischen Übersetzers Ibrahim Watfe, aber anstatt die Gründe dieses Lobs klarzustellen, spottete ich über den Inhalt des Bandes, genau genommen über den ausführlichen Dialog, den der Übersetzer mit dem deutschen Kafka-Interpreten Christian Eschweiler führte (der Band enthielt ein ganzes Buch von ihm über Kafka), über seine langen Zitate der Aussagen Adonis über die Dichtung und über das mehrmalige Erwähnen seiner Ehefrau, ohne ihren Namen zu nennen. Es war also kein Kritik-Artikel, sondern eine hastig geäußerte Meinung in einer Tagesglosse, die nicht für Kritik bestimmt ist.

     Vor einigen Wochen erhielt ich Post aus Deutschland. Ich öffnete den Umschlag und war von dessen Inhalt überrascht: Gesamtwerk Kafka, Band zwei, dritte Auflage, übersetzt von Ibrahim Watfe (Vertrieb Alkalemah Verlag und Alhassad Verlag in Damaskus), ich blätterte in dem Band und fand eine Kopie meines oben erwähnten früheren Artikels. Kein Kommentar, kein Vorwurf, kein Gruß, kein Schmerz und kein Hass. Nur ein neues Exemplar (2009) eines gewaltigen Bandes und beigefügt ein früherer Artikel von mir.

     In der Tat bereute ich mein Schreiben jenes Artikels aus zweierlei Gründen: Mein späteres Gefühl für das, was ein Artikel in einem Buch und bei seinem Verfasser bewirkt und die Freundlichkeit, die Ibrahim Watfe mir entgegenbrachte für einen Artikel, der ihn in Misskredit brachte. Deshalb schickte ich ihm einen Dankesbrief und eine Entschuldigung (er hatte meine Mailadresse erfahren und fragte mich nach meiner Postadresse, bevor er das Buch schickte). Aber der Mann, der mir vom Krankenhaus aus schrieb, ich erhielt sogar eine Kopie seines handgeschriebenen Briefes an mich von seiner Frau übermittelt, er zeigte eine große Freundlichkeit und erachtete, was ich geschrieben hatte, als kritische Pflicht. Er erklärte mir, keineswegs gekränkt zu sein, sogar seine Ehefrau hätte sich gefreut über die Nachricht, dass ich sie in meinem Artikel erwähnte. Wie Watfe in seinem Brief berichtete und beim erneuten Durchblättern des Buches ersichtlich, ließ er einige Abschnitte seines Dialogs mit Eschweiler weg, trug den Namen seiner deutschen Ehefrau Anne ein und unternahm einige wenige Änderungen: Was Ibrahim Watfe nicht wusste, ist, dass ich all die Jahre, die meinem Artikel über seine Übersetzung folgten, vergebnes nach den übrigen Bänden suchte. Ich fragte mehrere syrische Verlage und die Antworten waren, dass die Bände vergriffen sind, aber bald wiederverlegt würden.

     Das sind die Fakten. Ibrahim Watfe widmete einen großen Teil seines Lebens der Übersetzung von Kafkas Werk und was noch wichtiger ist, fügte er jedem Band eine Sammlung bedeutender Studien zu, die den Stifter-Romancier und den hervorragendsten Meister des zwanzigsten Jahrhunderts erhellen. Der zweite Band enthält den Roman „Der Prozess“ und einundzwanzig Studien aus aller Welt über diesen Roman allein. Durch diese Studien, die sich von Seite 177 bis Seite 396 erstrecken, erhält der Leser einen tieferen Sinn für den Hintergrund, auf dem Kafka sein Romanwerk aufbaute. Der Roman kann gelesen werden als Einstellung gegenüber dem Polizei-Staat und der Bürokratie, als individuelle Einstellung gegenüber der Macht, es gibt eine Thora-Lesung, eine Lesung im Licht der Autobiographie, im Licht des Schuldgefühls, eine Lesung als moralische  Einstellung, eine Lesung als sei der Prozess das Leben selbst, eine Lesung als Einstellung gegenüber dem Gesetz und andere Lesungen. Diese Übersetzungen (mit den Forschungsergebnissen und Dokumentationen) erhellen Kafkas Welt, diese vielfältige, verzweigte und reiche Welt, obwohl sie auf begrenzte Ereignisse aufgebaut ist und diese Ereignisse nahezu familiärer und persönlicher Art sind. Der Band enthält auch vier Gespräche mit Kafka-Interpreten und –Biographen: Eschweiler, Stach, Jeziorkowski und Fiechter.

     Watfes Bemühungen bei der Übersetzung Kafkas ins Arabische und den Studien über sein Werk gehen über die schnelle, kommerzielle Übersetzung hinaus. Es ist eine Arbeit, die begleitet ist von Anstrengungen, Leidenschaft, Wünschen und das Sich - identifizieren. Ein Einzelner widmet all diese Zeit und Mühe, um einen einzigen Schriftsteller zu übersetzen und Studien und Literatur über ihn zusammenzustellen, das ist eine puritanische Arbeit, die so viel Entsagung  enthält, was Aufmerksamkeit und Lob verdient. Watfe begnügte sich nicht mit Forschung über Kafka im Westen, sondern gab einen weiteren Band heraus mit dem Titel „Kafka in der arabischen Kritik“. Noch einmal, das ist eine Arbeit mit Opfer an Lebenszeit,Zielstrebigkeitund Treue. Eine Arbeit, die an eine andere Arbeit erinnert, die ein Landsmann Watfes leistete: Der Übersetzer Sami Aldrube, der Dostojevskis Gesamtwerk in 18 Bänden übersetzte.

     Ähnelt Watfes Arbeit der Arbeit von Max Brod, der Kafkas Werk entgegen dessen Testament veröffentlichte? Vielleicht sind beide Arbeiten unterschiedlicher Natur, aber gemeinsam haben sie Dank verdient.

     Zum Schluss möchte ich eine kuriose Begebenheit, die ich bezüglich Kafka erlebte, erwähnen: Nachdem ich den „Prozess“, die Studien darüber und Canettis Buch „Der andere Prozess“ zu Ende gelesen hatte, fühlte ich Unruhe in mir und die Angst übermannte mich, ich könnte, wie Kafka, an der Lunge erkrankt sein. Ich fühlte Erstickung, die manchmal eine halbe Stunde lang dauerte. Es waren Tage des Rauchens, der Trunkenheit und des Haschischs. Damals kam mir in den Sinn, Seelenwanderung könnte es in Wirklichkeit geben. Ich bildete mir ein, die Seelen gemarterter Dichter lebten in mir weiter. Einmal glaubte ich Pessoa zu sein, einmal Rilke, bis ich schließlich bei Kafka landete. Ich glaubte, meine Sicht sei ähnlich wie seine, ich meine nicht, wie er das Leben sieht, sondern seinen materiellen, wirklichen Blick. Ich hatte ein altes Haus in der Alhamra Straße gemietet. Anders, als die Häuser in Beirut, hatte dieses schreckliche alte Haus einen Garten, es waren Tage von wirklichem Bankrott und Hunger, ich bewohnte dieses Haus sogar ohne Möbel, ohne Kühlschrank, hatte nur eine zerrissene Matratze. Weil das Haus leer war, sorgte jeder Schritt für ein fürchterliches Echo, selbst tagsüber, wie dann erst in der Nacht? Kurz gesagt: Eines Tages, als ich beim Überlegen war, wie ich durch Erstickung sterben werde wie mein Vorgänger Kafka, trat ich ins Badezimmer und hatte in der Hand eine Zange, um das Türschloss zu reparieren. Ich entfernte die Klinke und während ich versuchte sie zu reparieren, schlug die Tür zu und ich konnte sie nicht mehr öffnen. Ich dachte daran, aus dem Fenster zu springen, aber es war mit einem festen Eisennetz versehen. Ich fing zu schwitzen an, furchterfüllt durch Kafka, den ich mir als Todesengel vorstellte. Endlich und unter kafkaischem Schrecken fing ich an, die Tür mit der Zange zu zerschlagen. Als ich herauskam, streckte ich mich völlig außer Atem auf dem Boden. Seitdem hörte ich auf mit dieser Seelenwanderung.

 

Nazem Elsayad

Al-quds Al-arabi (London), 30.7.2009

Das Urteil

 

 ….. Die Frau ist in Kafkas Dichtung gegenwärtig als Widerstandswaffe gegenüber der Macht des Vaters. Kafkas besten Text als Ausdruck für die symbolische, verdichtende Gegenwart der Frau finden wir in der ersten Erzählung Kafkas „Das Urteil“. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass diese Erzählung eine der wunderbarsten Kurzgeschichten, die je geschrieben wurden, ist. Das Schreiben bei Kafka stützt sich auf die Hintergründe seiner persönlichen Geschichte und seiner Beziehungen zum Vater und zur Frau. Die Analyse der Erzählung „Das Urteil“ im Kontext ihrer stilistischen Struktur und ihres geistigen Sinns bedarf eines ganzen Buches speziell für sie allein. Ich glaube, es wurde über keine Erzählung in der Weltliteratur so viel geschrieben, wie über diese Erzählung. Es gibt auch keine andere Erzählung, die wie sie diesen Reichtum  der Interpretationen erlaubt. Bei diesem meinem Urteil stütze ich mich auf die große schöpferische Leistung des syrischen Schriftstellers Ibrahim Watfe, einem Liebhaber Kafkas, der in seiner Welt weltentrückt, noch bevor er der Übersetzer seines Gesamtwerks ins Arabische ist. Bis jetzt erschien ein erster umfangreicher Band von 850 Seiten unter dem Titel „Die Familie“. Er umfasst die Texte: „Das Urteil“, „Der Heizer“, „Die Verwandlung“ und „Brief an den Vater“. Dazu zahlreiche Interpretationen und reiche Kritiken …

 

Farag bu Ascha

„Asharq Alawsat“ (London), 31.8.2002  

 

 

Kafkas Tagebücher

 

Kampf mit der Krankheit, der Einsamkeit und der Literatur

 

(Der letzte Abschnitt des Artikels):

… „Kafka (1883 – 1924) lebte nur 41 Jahre, trotzdem schaffte er ein literarisches Werk, von dem man ohne Übertreibung sagen kann, dass es Teil des Wichtigsten war, was der Anfang des 20. Jahrhunderts kennt; es bestimmt die Moderne des ganzen Jahrhunderts. Es ist auch ein literarisches Werk, von dem der arabische Leser jetzt -endlich- einige der hervorragendsten Teile lesen kann, in ausgezeichneten Übersetzungen, die der syrische, in Deutschland lebende Literat Ibrahim Watfe fertig stellte, und der seit Jahren auf sich nahm, dieses literarische Werk im Arabischen vorzustellen, mit Interpretationen, Erklärungen und kritischen Schriften. Dies bringt Kafka in die literarische Arena zurück, als ob er zwischen uns lebendig wäre“. 

 

Ibrahim Alaris

„Alhayat“ (London), 24.5.2005

 

 

 

 

Neuer Kafka

 

… „Vor etwa einem Jahr begann ich ein allgemeines Ziel zu verwirklichen, nämlich die großen Romane, an denen ich hing, noch einmal zu lesen. Ich begann mit Don Quijote in einer neuen Übersetzung. Ich las auch Kafkas Werke in einer neuen Übersetzung, die der syrische Übersetzer Ibrahim Watfe fertigte, der den Texten neuere, ausführliche Studien beifügte. Ich wünsche mir, dass er sein Projekt vollendet, nachdem zwei Bände davon erschienen sind“.

 

Gamal Elghitany

„Ahkhar Saa“ (Cairo), 7.9.2005

 

(Elghitany ist der bekannteste Ägyptische Romancier).

 

 

 

Kafkas Stimme

 

… Als ich das „Gesamtwerk“ bekam, das der syrische Schriftsteller und Übersetzer direkt aus dem Deutschen übersetzt hatte, empfand ich Angst, das Buch zu lesen, da es - und es ist nur der erste Teil - achthundertfünfzig Seiten umfasst. Es enthält alles was es gibt und erforscht ist über Kafkas Werk und Leben.

    Normalerweise wird man von einem guten Buch beeindruckt und eine Weile lang bewegt, bis man von den Belastungen des Alltags abgelenkt wird. Das ist das Übliche. Wenn man aber ein Kafka-Buch liest, muss man sich von seinem Selbst vor dem Buch verabschieden, da dieses Selbst nach der Lektüre nicht das Gleiche sein wird. Das liegt daran, dass die Gewalt des Talentes Kafkas im Stande ist, den Leser von innen her zu verwandeln, seine Gedanken neu zu formulieren, seine Visionen zu erschüttern und seine Gefühle zu schärfen, seine Richtungen zu verdrehen und seine Sicht der Dinge zu verändern. Der Leser unterliegt einer Vielzahl von Veränderungen. Er steht vor ungewöhnlichen Herausforderungen, die ihn mit allem konfrontieren, was Kafka betrifft.

    Das Furchteinflößende an diesem Buch ist, dass es endlose Mikrokristalle des Wissens enthält, die durch das Durchforschen nach und nach zu den erwähnten Zuständen zusammenwachsen. Immer wenn wir uns einen großen Kristall aneignen, der groß genug ist, um das Bewusstsein zu festigen, erleben wir, dass er durch eine andere Information wieder zerschlagen wird, die den Sinn, den wir erlangt hatten, widerlegt.

    Dies kommt daher, dass Kafka die verblüffende Fähigkeit besitzt, Zweifel zu wecken und Gewissheiten umzustürzen. Er erkannte seine Lebens- und Schreibwelten und führte Gespräche mit ihnen. Diese Welten verursachen viele Risse in unseren Wertvorstellungen. Die schöpferischen Herausforderungen Kafkas liegen nicht in seiner Konfrontation mit der dichterischen Schöpfung oder dem Leben, sondern zwischen ihnen als vereinigte Gegenteile und ihm als einziger Körper …

 

Fawzia Alsindi

(Alkhaleej, 22.5.2006)

 

    Alsindi (Bankkauffrau, geb. 1957, hat drei Söhne) ist eine Lyrikerin aus Bahrain und hat sechs Gedichtbände veröffentlicht. Einige ihrer Gedichte wurden in vier europäische Sprachen übersetzt. Sie schreibt für zwei arabische Zeitungen: „Alkhaleej“ (The Gulf) ]Emirate] und „Alwatan“ (Die Heimat) [Bahrain]. Es wurden bereits dreizehn Gespräche mit ihr und achtzehn Aufsätze über ihre Gedichte veröffentlicht.

    Der obige Text ist ein Abschnitt aus einem Aufsatz, der ferner Zitate aus dem ersten Band „Gesamtwerk“ enthält. Der Aufsatz wurde auch in „Alwatan“ (18.6.2006) unter dem Titel: „Betrachten Sie mich bitte als Traum“ veröffentlicht.

Kafkas Saat

 

Auf eine Umfrage einer libanesischen Zeitung „welcher nicht-arabische Schriftsteller hat Sie beeinflusst?“ antwortete die syrische Schriftstellerin Maha Hassan: „Es ist schwer, einen Schriftsteller alleine zu nennen. Die Schwierigkeit der Wahl veranlasste mich, mir ein großes Haus mit vielen Zimmern vorzustellen, in jedem Zimmer lebt einer der Schriftsteller, die mich beeinflusst haben, von denen ich einen auswählen soll, um in sein Zimmer einzutreten .Es gibt viele Türen, eine führt zu Sartre, eine andere zu Nietzsche, eine zu Dostojevski, eine andere zu Hermann Hesse (4 weitere Beispiele). Von allen Zimmern würde ich das mir am nächsten liegende auswählen, würde die Tür aufstoßen, auf der steht: Kafka.

Heute, von meinem fernen geographischen Standort aus, jenes Land betrachtend, in dem ich aufgewachsen bin, gelernt habe, das mich beeinflusst hat … Ich glaube, das wichtige Samenkorn, das in mir wuchs, ist Kafkas Samenkorn. Kafka hat mich beeinflusst, weil ich mit ihm vieles teile, besonders seine Beziehung zu seinem Vater. Ich glaube, der „Brief an den Vater“ hat mich im Laufe des Schreibens am meisten beeinflusst. Schließlich glaube ich, unser Lesen und Schreiben ist eine Suche nach dem eigenen Ich. Kafka führte mich zu meinem Ich.

 

Maha Hassan

As-Safir (Beirut), 19.10.2010

 

 

Sehr geehrter Übersetzer Herr Ibrahim Watfe,

meinen Gruß und meine innere Verbundenheit,

ich schreibe Ihnen während ich gerade Ihre wunderbare Übersetzung des Meisterstücks Kafkas „Das Urteil“ lese, das ich noch nicht erreichte, sondern die fünfte Seite vom ersten Kapitel „Hinweise“, dem die Erzählung folgt … Ich sagte mir, ich kann nicht warten, ich möchte diesem Mann schreiben, damit ich ihm sage, was ich zu sagen habe …!!!

Gestern war der erste Tag der Buchmesse in Riad. Der erste Band Ihrer Übersetzung des Gesamtwerks Kafkas gehörte zur ersten Gruppe von Büchern, die ich an jenem Tag kaufte. Dem Inhaber des Al-hassad Verlages sagte ich, ich nehme den ersten Band ohne den zweiten. Er verkaufte beide Bände zusammen. Nach etwas Zögern willigte er ein.

Der Grund dafür, nur den ersten Band zu wählen, ist der, dass ich, oh wie schade!, Kafka vorher nicht gelesen hatte …!!! Ja, aus irgendeinem Grund habe ich Kafka früher nicht gelesen. Ich kenne ihn (genauer, kenne etwas über ihn, da ich keine Arbeit von ihm gelesen habe, sondern nur hier und da etwas über ihn) als einen der großen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Kenntnis vom Hören, oder ehrlich gesagt, eine Kenntnis, die auf  Nicht-Kenntnis beruht … Ich erinnere mich, Mitte der neunziger Jahre kaufte ich eine Übersetzung eines Buches von ihm, der der Übersetzer den Titel „Die chinesische Mauer“ gab. Ich las einige Seiten davon und ließ es liegen. Ich weiß nicht mehr warum.

Jetzt, in Riad, kehrte ich nach Hause zurück und nach einigen Stunden sagte ich mir, ich lese nun ein Buch der Bücher, die ich mitbrachte. Ich wählte Ihre Übersetzung Kafkas. Gut gemacht, ohne Zweifel, da Ihre Übersetzung mich packte, wahrlich von der ersten Seite an, sogar vom ersten Abschnitt:

„Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leicht gebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloss ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluss, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün“. 

Die Worte hier sind wie Pinsel, die malen (auch „in spielerischer Langsamkeit“) die obige Szene … Genau solches Schreiben mit lebendigen Bildern reizt mich. Vielleicht ist das einer der Gründe meiner Bewunderung für das, was Kafka hier schrieb und Sie so schön übersetzt haben. Ja, ich bin ein Mann, der vom Bild ergriffen wird, und auch vom Stil. Es gefiel mir sehr zum Beispiel das Wort „sein Blick umherschweifte“ (Übersetzung des Wortes „sah“).

Vielleicht veränderten Kafka und Sie hier meinen Gedanken (von dem ich nicht weiß, wann er sich in meinem Kopf  eingepflanzte, ohne dass ich Kafka gelesen hatte), dass er eigensinnig im Schreiben ist, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist. Vielleicht auch, was ich über „Die Verwandlung“ hörte: Ein Mann erwacht eines Morgens und findet sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Vielleicht ist so ein Gedanke zauberhaft und eigenartig und … Vielleicht ist es nur ein falsches Vorurteil oder etwas Nahestehendes …

Dieser Gedanke aber wurde ganz zunichte gemacht beim Lesen des „Urteils“ … Sogar bevor ich die Erzählung zu Ende las, sagte ich mir, ich werde abends zur Buchmesse gehen und den zweiten Band kaufen … Ich sagte, jetzt kann ich Kafka lesen, und das ist ein Verdienst Ihrer wunderbaren Übersetzung. Und so war es. Ich fuhr zur Buchmesse, damit ich Ihren zweiten Band hole …

Es war aber nicht leicht, den Al -Hassad Verlag zu finden. Ich lief mehrmals durch die Messe, bis die Besuchszeit zu Ende war, dann fand ich den Verlag, nahm den Band und begab mich nach Hause. Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ich in dem Buch blätterte und darin las, im Auto, wenn ich bei Verkehrsampel  hielt …

Nachdem ich an diesem Morgen „Das Urteil“ zu Ende las, blätterte ich in dem Band und erfuhr, dass Sie andere Bände übersetzen werden, einen dritten, vierten, fünften, sechsten, sogar einen siebten und achten … !!!

Was können wir tun, außer Ihnen zu sagen, dass eine solche Kraftentfaltung jede  Umschwärmung und Liebe verdient, und dass die arabischen Leser die glücklichsten sind, einen so eifrigen Übersetzer wie Sie zu finden, gleichzeitig aber die Jämmerlichsten sind, die Ihren Einsatz und Ihre Mühe nicht hochschätzten … Oh Scheitern, oh Unglückseligkeit des Arabischen, dass Sie nicht mal einen Verlag fanden, der dieses Gesamtwerk veröffentlicht! … Wie Sie auf den letzten Seiten des ersten Bandes verbittert im Dezember 1997 schrieben, und wie Sie auf der zweiten Seite schrieben: Verleger Ibrahim Watfe/Vertrieb Al-Hassad Verlag“.

Sie schrieben: „Auch Kafkas Übersetzer lebte lebenslang sein ‚Berufsleben’ als kleiner Angestellter, übersetzte in seiner Freizeit, an Feiertagen und in den Nächten, fand aber – im Gegensatz zu Kafka – nicht mal einen Verlag, der bereit ist, dieses ‚Gesamtwerk’ zu veröffentlichen … !!!

Ich schreibe Ihnen ab, was ich über einen anderen Übersetzer schrieb:

Wer von uns hörte den Namen „Dr. Taha Mahmoud Taha“? Wer weiß, wer er ist? Solche Fragen sind ganz berechtigt, wenn wir wissen, dass dieser Mann vierzehn Jahre seines Lebens oder mehr für die Übersetzung eines einzigen Romans ins Arabische widmete …!!! Es ist ein Bitternis, dass man diese Übersetzung in keiner Buchhandlung unserer arabischen Welt findet, und man liest kein Wort über den Übersetzer, bis auf zwei Ausnahmen: Einen Artikel in der Zeitung Al-Hayat und ein Interview in „Al-Zamahn“.

Dr. Taha niederließ sich in Kuwait 18 Jahre lang, wo die Universität ihm ein Stipendium vierzehn Jahre lang gewährte, damit er Ulysses von Joyce übersetzt. Dieser einzigartige Mann verbrachte damit vierzehn Jahre lang.

Ihnen, mein Herr, meine Verbundenheit und meine Hochachtung! Möge Gott uns befreien von dieser Abwesenheit des Geistes, des Zwangs und der Bitterkeit!

Mit meiner innerlichen Verbundenheit,

meinen Grüßen für Sie und für Ihre Frau, deren Unterstützung Sie erwähnen, damit diese wirklichen Bereicherungen

der arabischen Bibliothek das Licht der Welt erblicken.

 

Mit der Hoffnung auf Kommunikation

Essam Essa Rajab

(Lyriker aus dem Sudan) 24.02.2006

Sehr geehrter Herr Watfe,

… Erst gestern las ich den zweiten Band „Der Prozess“ zu Ende. Vielleicht wurde ich deshalb davon abgehalten, Dir früher zu schreiben. Ich sagte mir, ich schreibe Dir, wenn ich den zweiten Band von der ersten bis zur letzten Seite zu Ende gelesen habe, wie ich es auch mit dem ersten Band machte. Ich fühle mich berechtigt, dieses Jahr mein Kafka- und Ibrahim-Watfe-Jahr zu nennen. Bevor ich Deine zwei Bände vor zehn Monaten erwarb, kannte ich nur entstellte Bruchstücke über Kafka. Jetzt ist es ganz anders geworden, jetzt kann ich über die Werke, die ich in den beiden Bänden las, kennerhaft reden … dank der seriösen Übersetzung der Werke Kafkas in Deinen beiden Bänden und dank der Studien, die Du auswähltest, wogegen die arabischen, literarischen  „Studien“, die ich zuvor gelesen hatte, im Verhältnis dazu bescheiden zu nennen sind.

Nun kann ich meinen Freunden zum Beispiel über Eschweilers Kapitelfolge des „Prozesses“ und seine Interpretation erzählen…

Lenis „Unfähigkeit zur Ehe als einer persönlichen Partnerschaft drückt Kafka dichterisch durch einen körperlichen Fehler aus: Zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand spannt sich ein Verbindungshäutchen fast bis zum oberen Gelenk, so dass es ihr unmöglich ist einen Ehering zu tragen“.

Von nur einem glänzenden Abschnitt wie diesem kann ich Eschweilers Zorn und Trauer bezüglich der anderen „Wissenschaftler“, „Akademiker“, „Experten“ und „Interpreten“ verstehen, seine gewaltigen Mühen, die er für die Anordnung und Interpretation des „Prozesses“ auf sich nahm … Gewiss, es wird ihn erzürnen, was Stach schrieb:  „Kafkas Prozessist ein Monstrum …Der Befund bleibt stets derselbe: Finsternis, wohin man blickt“.

Das Arabische wird Deine wertvollen Bemühungen um die Übersetzung von Kafkas Werk und dessen Interpretation und um die wichtigen beiden Gespräche, die Du mit Können mit Eschweiler und Stach führtest, lange Zeit  lobpreisen. Glaub mir, soviel ich Gespräche las, habe ich doch niemals solche guten und kenntnisreichen Gespräche gelesen. Kein Wunder, wer über ein solches umfangreiches Wissen über Kafka verfügt, dessen Gespräche mit Kafkas Interpret und Biograph müssen entsprechend tiefsinnig ausfallen.

Die Lektüre der Studien, die Du der Übersetzung des „Prozesses“ zugefügt hast, war mir ein Genuss, besonders: 1. Der ideale Machtapparat und das Individuum von Karl Sauerland, 2. Des Lesers Selbstverständnis von Martin Walser. 3. Schreibprozess von Detlef Kremer, 4. Das Bett von Klaus Jeziorkowski, 5.  Die Welt als Gericht von Wilhelm Emrich, 6. Die letzte Scham von Heinz Politzer.

Dieses mindert aber keinesfalls meine Wertschätzung für die anderen Studien. Was aber das Kapitel „Der richtige Prozess“ anbelangt, so ist es das Juwel der Juwelen und die Perle der Perlen.

Ich und die anderen Leser können nur ungeduldig auf das Erscheinen der übrigen Bände des Gesamtwerks Kafkas warten. Bis dessen Erscheinen müssten wir die ersten beiden Bände mehrmals lesen, damit wir zumindest einem Teil Deiner Bemühung gerecht werden können. Auch wenn erst lesen und später sicherlich auch noch darüber schreiben.

 

Essam Rajab

30.11.2006

 

 

Sehr geehrter Herr Watfe,

möge Gott Ihnen Gesundheit schenken für diese umfangreichen Bemühungen, die Sie bis jetzt in die Übersetzung Kafkas Werks investierten. Ich glaube, Sie brauchen diese Lobpreisung gar nicht, denn wenn ich Sie ein ganzes Jahr lang lobpreisen würde, könnte ich Ihnen und Ihren Bemühungen doch nicht gerecht werden.

Ich möchte Sie nur fragen, ob Ihre Bücher auf der Buchmesse in Bahrain vom 20. bis 29.9.2007 zu finden sein werden, denn nach großer Mühe bei der Suche nach Band Eins und Zwei, fand ich nur Band Eins (Das Urteil, Der Heizer, Die Verwandlung, Brief an den Vater), denn Ihre Bücher erreichten fast alle Buchhandlungen in Bahrain nicht. Das Buch fand ich bei einem Freund in Saudi-Arabien, aber mehrere meiner Freunde versicherten mir, dass die beiden Bände die Buchhandlungen erreichten, es scheint, dass sie vergriffen sind. Wie gesagt, werde ich Ihre Bücher auf der Buchmesse finden? Und wo?

 

Vielen, vielen Dank

Abdalla Ibrahim Mohammad

Bahrain, 15.9.2007

Sehr geehrter Herr Watfe,

… Erst gestern las ich den zweiten Band „Der Prozess“ zu Ende. Vielleicht wurde ich deshalb davon abgehalten, Dir früher zu schreiben. Ich sagte mir, ich schreibe Dir, wenn ich den zweiten Band von der ersten bis zur letzten Seite zu Ende gelesen habe, wie ich es auch mit dem ersten Band machte. Ich fühle mich berechtigt, dieses Jahr mein Kafka- und Ibrahim-Watfe-Jahr zu nennen. Bevor ich Deine zwei Bände vor zehn Monaten erwarb, kannte ich nur entstellte Bruchstücke über Kafka. Jetzt ist es ganz anders geworden, jetzt kann ich über die Werke, die ich in den beiden Bänden las, kennerhaft reden … dank der seriösen Übersetzung der Werke Kafkas in Deinen beiden Bänden und dank der Studien, die Du auswähltest, wogegen die arabischen, literarischen  „Studien“, die ich zuvor gelesen hatte, im Verhältnis dazu bescheiden zu nennen sind.

Nun kann ich meinen Freunden zum Beispiel über Eschweilers Kapitelfolge des „Prozesses“ und seine Interpretation erzählen…

Lenis „Unfähigkeit zur Ehe als einer persönlichen Partnerschaft drückt Kafka dichterisch durch einen körperlichen Fehler aus: Zwischen dem Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand spannt sich ein Verbindungshäutchen fast bis zum oberen Gelenk, so dass es ihr unmöglich ist einen Ehering zu tragen“.

Von nur einem glänzenden Abschnitt wie diesem kann ich Eschweilers Zorn und Trauer bezüglich der anderen „Wissenschaftler“, „Akademiker“, „Experten“ und „Interpreten“ verstehen, seine gewaltigen Mühen, die er für die Anordnung und Interpretation des „Prozesses“ auf sich nahm … Gewiss, es wird ihn erzürnen, was Stach schrieb:  „Kafkas Prozessist ein Monstrum …Der Befund bleibt stets derselbe: Finsternis, wohin man blickt“.

Das Arabische wird Deine wertvollen Bemühungen um die Übersetzung von Kafkas Werk und dessen Interpretation und um die wichtigen beiden Gespräche, die Du mit Können mit Eschweiler und Stach führtest, lange Zeit  lobpreisen. Glaub mir, soviel ich Gespräche las, habe ich doch niemals solche guten und kenntnisreichen Gespräche gelesen. Kein Wunder, wer über ein solches umfangreiches Wissen über Kafka verfügt, dessen Gespräche mit Kafkas Interpret und Biograph müssen entsprechend tiefsinnig ausfallen.

Die Lektüre der Studien, die Du der Übersetzung des „Prozesses“ zugefügt hast, war mir ein Genuss, besonders: 1. Der ideale Machtapparat und das Individuum von Karl Sauerland, 2. Des Lesers Selbstverständnis von Martin Walser. 3. Schreibprozess von Detlef Kremer, 4. Das Bett von Klaus Jeziorkowski, 5.  Die Welt als Gericht von Wilhelm Emrich, 6. Die letzte Scham von Heinz Politzer.

Dieses mindert aber keinesfalls meine Wertschätzung für die anderen Studien. Was aber das Kapitel „Der richtige Prozess“ anbelangt, so ist es das Juwel der Juwelen und die Perle der Perlen.

Ich und die anderen Leser können nur ungeduldig auf das Erscheinen der übrigen Bände des Gesamtwerks Kafkas warten. Bis dessen Erscheinen müssten wir die ersten beiden Bände mehrmals lesen, damit wir zumindest einem Teil Deiner Bemühung gerecht werden können. Auch wenn erst lesen und später sicherlich auch noch darüber schreiben.

 

Essam Rajab

30.11.2006

 

Sehr geehrter Herr Watfe,

möge Gott Ihnen Gesundheit schenken für diese umfangreichen Bemühungen, die Sie bis jetzt in die Übersetzung Kafkas Werks investierten. Ich glaube, Sie brauchen diese Lobpreisung gar nicht, denn wenn ich Sie ein ganzes Jahr lang lobpreisen würde, könnte ich Ihnen und Ihren Bemühungen doch nicht gerecht werden.

Ich möchte Sie nur fragen, ob Ihre Bücher auf der Buchmesse in Bahrain vom 20. bis 29.9.2007 zu finden sein werden, denn nach großer Mühe bei der Suche nach Band Eins und Zwei, fand ich nur Band Eins (Das Urteil, Der Heizer, Die Verwandlung, Brief an den Vater), denn Ihre Bücher erreichten fast alle Buchhandlungen in Bahrain nicht. Das Buch fand ich bei einem Freund in Saudi-Arabien, aber mehrere meiner Freunde versicherten mir, dass die beiden Bände die Buchhandlungen erreichten, es scheint, dass sie vergriffen sind. Wie gesagt, werde ich Ihre Bücher auf der Buchmesse finden? Und wo?

 

Vielen, vielen Dank

Abdalla Ibrahim Mohammad

Bahrain, 15.9.2007

Gesamtwerk mit Interpretationen: Die Familie

Meyy Ahmad

 

Sollten Sie dieses Gesamtwerk Kafkas besitzen, dann wisse, dass Gott Sie sehr liebt. Dieses Werk ist ein Muster für die Bücher, die zum höchsten Literaturgipfel aufsteigen. Das erste Buch im Gesamtwerk ist „Das Urteil“ (238 Seiten). Es enthält eine kurze Erzählung von 14 Seiten über die Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater, der Rest sind Studien und Meinungen von Kritikern über die Erzählung. Das Buch ist sehr interessant, denn es behandelt viele Seiten der Kafka-Biographie, der gespannten Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn und die verschiedenen Meinungen der Kritiker über seine Ansichten, seine religiösen und politischen Neigungen. In der Tat fühlte ich nicht, wie die Zeit bei der Lektüre vergeht, denn das Buch ist flüssig und vielfältig, insbesondere werden zwischen den Abschnitten immer wieder Kafkas Aussagen zitiert. Ich verließ das erste Buch mit dem Wunsch, mich auf das zweite zu stürzen.

Es ist „Der Heizer“, 34 Seiten vom 100-seitigen Buch 100 Seiten … (6 Zeilen Inhaltsangabe der Erzählung).

Der Erzählung folgen schöne Lektüren einiger Kritiker. Die Bemühungen von Ibrahim Watfe verdienen wirklich Würdigung und Dank. Denn seine Auswahl sind ihm gut gelungen.

Die Erzählung veranlasste mich, Kafkas in Liebe zu verfallen und wie verrückt nach dem dritten Teil, „Die Verwandlung“, zu suchen.

Ich halte diese Erzählung für ein Werk von den vier schönsten Werken der Literatur. 

Ist sie das?

Ja, sehr. Ich las nie Ähnliches und werde es nicht lesen.

Wenn ich Kafka las, las ich mit Liebe. Einige Schriftsteller schaffen Dir dieses Glück, das Du mit jedem Wort fühlst, als ob es ein für Dich allein erschaffenes Geschenk ist.

Ich liebte Gregor sehr. Es belastete mich, wie sich seine Lage entwickelte.

Was mehr schmerzt ist, dass es zwischen dir und den dir nahestehenden Menschen keine Verständigungssprache mehr und keine Sprache für die Liebe gibt. Dass du dein Leben verlierst und an den Rand gedrängt wirst.

Dass du entdeckst, deine Existenz stört diejenigen, die du liebst, obwohl du dich um sie kümmerst und dein Leben benutzt, um sie zufrieden zu stellen, aber du fühlst, für sie nichts Nennenswertes zu bedeuten. Dann schleppst du schwer an deiner Enttäuschung und deinem Gefühl der Niederlage und der Angst. Dann hast du keinen Lebenswillen mehr.

Die Verwandlung, die viele Jahre falsch übersetzt vorlag, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in ein Ungeziefer verwandelt. Ich werde die vielen Entwicklungsstufen nicht erklären, damit ich euch den Genuss der Lektüre nicht verderbe. Es ist ein Roman der verdient, vor ihm den Hut zu ziehen. Wenn Kafka nichts anderes geschrieben hätte, genügte es ohne Zweifel.

Der Roman umfasst nur 90 Seiten, während das Buch 300 Seiten hat: Studien über den Roman. Diese Studien verschaffen dem Leser nicht weniger Genuss als der Roman selbst.

Ich hoffe, dass euch Kafkas Welt nicht entgeht. Ich wünsche auch, dass man Kafka in der Übersetzung von diesem Watfe liest, weil sie eine sehr wunderbare Übersetzung ist und direkt aus dem Deutschen. 

 

Kommentare:

Fahd

Ich habe nur die ersten beiden Bände. In den letzten beiden Buchmessen in Kuwait suchte ich die anderen Bände, fand sie aber nicht.

Ich bin auf die Welten Kafkas gespannt. Er ist einer der Wenigen, über den ich viel gelesen habe, bis ich dachte, ihn zu kennen, aber einen Schriftsteller lesen ist ganz anders, als über ihn zu lesen.

Danke, Meyy!

 

 

Der dritte Band ist jetzt vorhanden, ich habe ihn in der Buchmesse in Kuwait in diesem Jahr bekommen.

Kafka wird Sie, Fahd, fesseln. Sein Brief an den Vater ließ mich weinen. Kein anderer Schriftsteller schaffte das bei mir. Oh, wie liebe ich diesen Mann!

Jener Brief, Brief an den Vater, ist ein tödlicher Brief, wie eine Kugel ins Herz gerichtet. Darin legt Kafka alle seine Gefühle seinem Vater gegenüber dar, Gefühle, die ihm Schuldkomplexe verursachen, ohne irgendeine Schuld zu haben. Der Brief ist ein Teil der Biographie Kafkas, der wichtigere Teil. Er ist ein Gerichtverfahren gegen seinen Vater, der ihm Narben in seiner Persönlichkeit verursachte und ihn Versagen und Unfähigkeit fühlen ließ. Diese Herrschaft, die der Vater über ihn ausübte, verursachte großes Leid, das sein Leben beherrschte und ihn Schwäche, Kranksein und tiefe Verletzung fühlen ließ. Daraus folgte sein Scheitern bei der Bindung mit den beiden Frauen, die er heiraten wollte. Die Vorherrschaft seines Vaters und sein Nichtigkeitsgefühl vereitelten seine Heiratspläne und die Ehe wurde für ihn der größte Schrecken. Die Ehe war für Kafka nur Flucht vor dieser festen Fessel, die ihn bis zum Tod begleitete.

Dem Brief an den Vater sind zahleiche Studien zugefügt, die von großen Schriftstellern geschrieben worden sind und die den literarischen Text erhellen. Da wird auch die Armut seiner Beziehung zu seiner Mutter beleuchtet. Die Mutter war nur ein Schatten seines Vaters. Obwohl Kafka fühlte, dass seine Mutter auch nur ein Opfer war, fühlt der Leser die große Enttäuschung Kafkas durch seine Entbehrung ihrer Mutterliebe und ihres Mitgefühls.

Kafkas Familienleben war eine Tragödie, die sein Schreiben beeinflusste. Wer seinen Brief an seinen Vater liest, kann die Geschichte der Verwandlung des Gregor Samsa mit tieferer Sicht verstehen, da diese väterliche Herrschaft ihn in ein Ungeziefer verwandelt, das kein anderes Schicksal hatte, außer zu verenden wie jedes störende Ungeziefer.

Alle Protagonisten in diesem ersten Band des Gesamtwerks litten unter der Herrschaft des Vaters. 

Ich frage mich, ob ein Literat, der luxuriös lebt und nicht leidet, so schreiben würde, wie Kafka schreibt. Ich glaube nicht.

Wie ich gespannt bin, den zweiten Band des Gesamtwerk Kafkas zu lesen. Er enthält den Roman „Der Prozess“.

 

Februar 2012

Alles über Kafka

 

Bei Kafkas Texten scheint die Rede über deren Aktualität überflüssig und ohne Sinn zu sein; denn die Sache geht darüber hinaus, ob die Kunstwerke des tschechischen (deutschen, österreichischen) Schriftstellers noch Leser haben. Sie sind mehr, sie zeigen Tag für Tag ihre Zugehörigkeit zu den großartigen klassischen Werken und werden zu einer unerschöpflichen Fundgrube für neue Interpretationen und Deutungen. Sie enthalten immer aktuell bleibende Gedanken, Visionen, die Prophezeiungscharakter haben, erschreckende und schockierende Bilder über die Welt, aber zuverlässig und die Wirklichkeit bestätigt sie immer wieder. Sogar können wir mit ein wenig Übertreibung sagen, dass wir in einer Welt leben, die unter einem wahnsinnigen Hammer zusammenbricht, erscheinen als bloße Figuren in Kafkas Albträumen, die er vor hundert Jahren träumte.

Gleichen wir nicht den Dorfbewohnern, die unter der Herrschaft der Herren des Schlosses leben, ihren Gesetzen und Vorschriften gemäß, ohne dass es einem von ihnen möglich wäre, zu diesem Schloss zu gelangen oder es aus der Nähe zu sehen oder gar etwas Gesichertes darüber und über seine Herrschaften zu wissen? Leben nicht viele von uns in einem Ozean eines langen absurden "Prozesses" ohne Gesetze, ohne Richter, ohne bestimmte Schuld und mit unvermeidlichem (zwangsläufigen) Schicksal: ein im Voraus gefälltes Todesurteil? Ist die Geschichte der "Verwandlung", in der Gregor Samsa als ungeheures Ungeziefer aufwacht, nur eine phantastische Geschichte? Ist das nicht das Schicksal Tausender, die erbarmungslos als Ungeziefer unter den Maschinen des höllischen Krieges vernichtet werden? Wiederholen nicht Tausende täglich, was der Held der Erzählung "Das Urteil" getan hat, indem sie selbst das Urteil der über sie herrschenden, gewalttätigen Macht vollstrecken und sich im Meer ertränken?

Aber trotz dieser dominanten Präsenz der Albträume und wunderlichen Visionen Kafkas, sehen manche, dass die arabischen Leser Kafka noch nicht kennen. Sie kennen seine Texte nicht gut und alles, was übersetzt wurde, ist nur ein improvisiertes Abbild eines Kafka, der nie existiert hat. Kafka wurde gekürzt, vereinfacht und entstellt, besonders dass die meisten zerstreuten Übersetzungen seiner Werke aus anderen Mittelsprachen zustande gekommen sind. Der Übersetzer und Forscher Ibrahim Watfe geht nicht so weit in der Kritik der Übersetzungen Kafkas ins Arabische, aber sein gewaltiges Werk "Gesamtwerk Kafkas mit Interpretationen" ist ein Versuch für die Gründung einer neuen Präsenz Kafkas in der arabischen Bibliothek, einer genaueren, tieferen und zum Original näheren Präsenz.

Watfe sagt: "Anfang 1963 zog ich von Syrien nach Europa um. Mit mir war ein arabisches Exemplar von der `Verwandlung`. In meinem Germanistikstudium in Deutschland konzentrierte ich mich u. a. auf Kafka. Es wird gesagt, wer sich einmal für Kafka interessiert, kann nicht mehr davon lassen. Und wirklich, seitdem wurde meine Beziehung zu Kafka nicht unterbrochen. Seine Bücher fesseln mich immer noch".

Das Projekt Watfes besteht aus fünf Bänden (in unseren Händen sind vier davon). Der erste Band mit dem Titel "Die Familie" umfasst die Novellen "Das Urteil", "Der Heizer", "Die Verwandlung" und "Brief an den Vater". Der zweite Band mit dem Titel "Das Selbst" umfasst den Roman "Der Prozess", der dritte hat den Titel "Die industrielle Gesellschaft" und umfasst den Roman "Der Verschollene", der vierte "Der menschliche Kosmos" umfasst den Roman "Das Schloss". Der fünfte Band soll die Erzählungen umfassen.

Das "Gesamtwerk" bestätigt den verbreiteten Eindruck, dass die Geschichte der Bücher Kafkas nicht weniger genussreich und spannend ist als die Erzählungen, die diese Bücher enthalten. Als Kafka lebte, erschienen von ihm nur einige Novellen und Kurzerzählungen, der Rest seiner Werke erschien aber nach seinem Tod. Er hatte die Manuskripte seiner Bücher bei seinem Freund Max Brod gelassen und ihm testamentarisch vermacht, sie zu vernichten. Aber glücklicherweise hat der Freund das Testament nicht vollstreckt. Und die Geschichte dieses Brods mit den Manuskripten ist ein spannendes Abenteuer, das an die Romane der berühmten Abenteuer über alte Manuskripte erinnert. Sie fügt Exzentrik zu Kafkas Welt hinzu, die im Grunde exzentrisch ist.

Als Kafka im Jahre 1924 starb, kannten ihn nur wenige als Schriftsteller und noch weniger waren diejenigen, die voraussahen haben, dass er einer der berühmtesten Schriftsteller in der Welt werden wird.

Wie seine Bücher von den Schubladen des Ignorierens in die Reihe der großartigen Kunstwerke umgezogen sind, um neben der Werke Dantes und Shakespeares zu stehen? Das bleibt Anlass für unendliche Analysen und Interpretationen, wobei einige davon nicht weniger kafkaesk als die Erzählungen Kafkas selbst sind.

Nicht weniger als das sind die Zugehörigkeitsschlachten, die über Kafkas Werk entbrannten. Neben der religiösen Lektüre des Max Brod war die Lektüre von Sartre und Camus, die aus Kafka einen der Pioniere des Existenzialismus machte, es gab auch andere Lektüren, die seine Romane und Erzählungen marxistische Aussagen sagen ließen. Dazu noch die Lektüren der Modernisten und Nachmodernisten und der Anhänger der Psychoanalyse.

Wenn diese unterschiedlichen Lektüren zu keinen entscheidenden Antworten führten, vermehrten sie die Strahlkraft Kafkas und bestätigten seinen Mythos.

Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes sagt: "Kafka ist der unentbehrliche Führer durch das 20. Jahrhundert. Man kann dieses Jahrhundert ohne Faulkner verstehen, ohne Proust, ohne Joyce, aber nicht ohne Kafka“.

Neben der Bewunderung der ungeheuren investierten Mühe in der Arbeit von Ibrahim Watfe, gibt es einen erlaubten Vorbehalt, der diese Wertschätzung nicht mindert. Watfe gelang die Investition seines guten Wissens der deutschen Sprache, um die kafkaischen Vokabeln, Zeichen und Übertragungen genausten sicherzustellen, aber der Stil der Formulierung im Arabischen fehlt leider; und nicht an wenigen Stellen, die Eleganz und die Flüssigkeit (Salman Izzeddin,  2016).

 

Kommentar:

"Eleganz" und "Flüssigkeit" können nur auf Kosten der Genauigkeit erzielt werden.  Jeder Schriftsteller hat seinen eigenen Stil. Manche arabischen Leser möchten alle  übersetzten Schriftsteller im gleichen ausdruckstarken, "eleganten" arabischen Stil lesen. Kafkas Übersetzer achtete vor allem auf Genauigkeit und auf Kafkas spezifischen Stil wie er ist: Sachlich, nüchtern, konkret, schnörkellos und frei von jeder Verzierung; der Übersetzer versuchte, soviel wie möglich von Kafkas Geist, seiner Persönlichkeit und seinem Stil zu erhalten (I. W.).

Ibrahim Watfe ist mehr als ein Übersetzer Kafkas

 

Er hat ein literarisches Projekt.

Die Übersetzung ist dessen Hauptteil

 

Es ist nicht fair, Ibrahim Watfe nur einen Übersetzer Kafkas zu nennen, obwohl er intensiv mit ihm beschäftigt ist und sich der Vervollständigung der Übersetzungen seines Gesamtwerkes mit ihren nacheinander herausgegebenen Interpretationen widmet. Er arbeitet an einem wichtigen und einzigartigen literarischen Projekt, dessen Grundlage die Übersetzung bildet. Er ist mehr. Er ist ein objektiver, ernster, interessierter Forscher; er ist Kritiker,  Historiker und Prüfer. Zusätzlich verfügt er über eine nationale und humanitäre Einstellung, die in dem Buch, das er "Krieg des Nordens gegen die Völker des Südens" nannte, ersichtlich ist.

Vor ihm hat das Thema Kafkas Judentum und Zionismus das Interesse der arabischen Leser und Schriftsteller an Kafka negativ beeinflusst. Er klärte den Fall und schrieb den Aufsatz "Kafkas Identität" und das spiegelte sich auch in seinen Gesprächen mit Kafkas Interpret Christian Eschweiler und Biograph Reiner Stach wider. Die beiden  bestätigen seine Meinung, dass Kafka zwar ein Jude war (Vererbung), aber überhaupt kein Zionist.

Watfe beherrscht die arabische Sprache, sein Stil ist klar, seine Formulierungen sind flüssig und verständlich. Mit der deutschen Sprache lebt er mehr als ein halbes Jahrhundert. Wenn ihm etwas unklar ist, nimmt er seine deutsche Frau / Sekretärin zur Hilfe

Watfes Übersetzungen zeichnen sich durch Verständnis und Vollständigkeit aus, nicht nur die Übersetzung des Textes, des Romans, der Geschichte oder des Dialogs, sondern auch deren Interpretationen.

Der Übersetzer Ibrahim Wutfe hat eine unabhängige Meinung zu dem, was er übersetzt, und zitiert seinen Namen an einer Stelle, die er für richtig hält. Seine klaren und selbstbewussten Ansichten tauchen in seinen  langen Gesprächen mit Kafkas wichtigstem Interpreten Christian Eschweiler und dem wichtigsten Biographen Stach auf.

In Watfes Arbeiten zeigt sich Objektivität, er zögert nicht, etwas Negatives  zu veröffentlichen. Beispiel: Was Stach über ihn und Eschweiler schrieb.

 

Ibrahim Watfe ist ein Forscher, er scheut keine Mühe, nach allem zu suchen, was mit dem von ihm diskutierten Thema oder dem von ihm übersetzten, zu tun hat, damit der Leser unterschiedliche Meinungen kennt, die er vergleichen und daraus seine eigene ableiten kann. Er hat das, was er über Kafka auf Arabisch geschrieben worden ist, mit verschiedenen negativen und positiven Ansichten in seinem Buch zusammengetragen: "Kafka in der arabischen Kritik (1994-2005)".

 

Watfe ist auch ein Kritiker; dieses zeigt sich an seinen unabhängigen Ansichten in Artikeln oder in den Fußnoten seiner zahlreichen Bücher, an seinen Dialogen mit Kritikern und Wissenschaftlern oder an seinen Kommentaren zu ihren Ansichten ... Es zeigt auch, dass er ein vergleichendes kritisches Denken und ein genaues Verständnis der Kritik-Bewegung, Terminologie und Strömungen hat. Die Lektüre seiner Bücher wird trotz der Schwierigkeit des Materials und seiner Bedeutungen und Dimensionen genussreich und nützlich.

Es ist ein dokumentierter Historiker, der sich sehr für die Geschichte literarischer Persönlichkeiten interessiert, für die Lebensabschnitte, die Produktionen, die Daten der verschiedenen Ausgaben und was darüber geschrieben wurde.

Auf dieser Grundlage wurde Watfe zu einem  Nachschlagewerk über Kafka.

Beharrlichkeit kennzeichnet das Leben von Watfe, er verfolgt alles bis zum Ende.

Er beharrt auf seinem Engagement. Er (über 80) arbeitet nach einem strengen Programm in genauen Tages- und Nachtstunden. Er verfolgt seine Themen: Übersetzung, Korrektur, Veröffentlichung und Verbreitung mit Engagement, Aufmerksamkeit und Respekt. Als er keinen arabischen Verlag fand, veranlasste ihn sein Engagement, diese Übersetzungen im eigenen Verlag in Damaskus zu veröffentlichen.

Der Ernst und die Verantwortung im umfangreichen Schaffen von Ibrahim Watfe zeigen sich voll und ganz. 

 

Ghassan Kamel Wannous

 

Veröffentlicht in der monatlichen Zeitschrift alshariqa-althaqafiya.ae 

(September 2019) in den Emiraten und auf der Webseite des Autors http://www.ghassanwannous.com/, der etwa 20 Bücher veröffentlichte. 

http://www.ghassanwannous.com/?page=show_thread&type=article&aid=318

 

 

 

https://www.kafka-atlas.org/src/docs/beitraege/28j31_Die_arabischen Länder

Die arabischen Länder

 

Erst im Jahre 1947 wurde Franz Kafka im Arabischen vorgestellt. Der damals bekannteste arabische Schriftsteller, der Ägypter Taha Hussein (1889 - 1973), der in Paris studiert hatte, veröffentlichte zwei Artikel über Kafka mit den Titeln "Die dunkle Literatur" und "Kafka". Darin fasste er die damaligen in Frankreich herrschenden Gedanken über Kafkas Werk unter Berufung auf Max Brod zusammen. Hussein schrieb über die "Unklarheit" in Kafkas Literatur und betrachtete diese Literatur als "schwarze Literatur" und als "etwas seltsam oder etwas fremd". Diese Unklarheit verwirre den Leser und hätte kein Zweck, "weil der Schriftsteller selber keinen Zweck für sich selbst weiß"

 

Taha Hussein schrieb, Kafka habe sich "in das Studium des Talmuds und die Geheimnisse und Mysterien Israels vertieft".

 

Er gab eine kurze Zusammenfassung der Handlungen in Kafkas drei Romanen.

Hauptthema darin sei die Verbindung zwischen Mensch und Gott. Kafka stelle den armen, verzweifelten Menschen, dessen Verbindung zu Gott unterbrochen ist, dar.  Kafkas größte Problem und Unglück sei, dass er die Beziehung zwischen Mensch und Gott nicht erkennen konnte. Er schrieb: "Ist dies die Quelle, aus der der Mensch nicht in der Lage ist, zu Gott aufzusteigen? Oder ist die Quelle, dass Gott nicht will, oder unfähig ist, zum Menschen herabzusteigen? Oder ob es die Unfähigkeit im Menschen und in Gott selbst, ist, dass beide sich treffen?

 

Taha Hussein kommt zu dem Schluss, dass es in Kafkas Literatur um drei Ursprünge geht: "Die Unfähigkeit, mit Gott zu kommunizieren, die Unfähigkeit, die Sünde zu verstehen und zu rechtfertigen und die Unfähigkeit, die Ereignisse und Missstände in der Welt zu verstehen".

 

Taha Hussein hatte an der Sorbonne in Paris über  den arabischen Dichter Abu l-’Ala al-Ma’arri (973 - 1057) promoviert. In seinen Artikeln vergleicht er ihn mit Kafka mit und schließt seinen Artikel mit den Worten: "Die Araber feiern Abu Alaa seit tausend Jahren. Die Europäer werden keine tausend Jahre warten bis sie Kafka feiern.

Der Beitrag Husseins blieb wirkungslos.

Im Jahre 1957 erschien im Libanon die erste arabische Übersetzung eines Buches von Kafka: "Die Verwandlung". Übersetzt von dem bekannten libanesischen Übersetzer und Verleger Munir Al-Baalabakki  (1918 - 1999). Die Übersetzung ist leider mangelhaft. Sie erfolgte aus dem Englischen und scheint schnell gefertigt zu sein. Nicht mal der Titel im Arabischen stimmt. Trotzdem ist dieses Buch seitdem ununterbrochen erhältlich. 

"Die Verwandlung" wurde danach zweimal übersetzt, in Ägypten und Marokko.

 

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die drei Romane Kafkas in Ägypten direkt aus dem Deutschen übersetzt, sowie eine Anzahl von Erzählungen aus dem Französischen oder Englischen. 

Diese Übersetzungen wurden weder kommentiert noch wieder aufgelegt.

Mit diesen Übersetzungen wurden keinerlei Interpretationen übersetzt und keinerlei geschrieben. Daher blieb alles ohne Wirkung und ohne Verbreitung mit Ausnahme der "Verwandlung"  Baalkabakkis.

 

Im Jahre 1979 wurde zum ersten Mal etwas über Kafka veröffentlicht. Der irakische Lyriker Saadi Youssef  (Jahrgang   1934) veröffentlichte  einen Artikel mit dem Titel "Entschlüsselung der zionistischen Symbole im Werke Kafkas", in der irakischen Zeitschrift "Al-Aqlam" in einer Sonderausgabe zur zionistischen Literatur. In diesem Artikel und in einem zweiten Artikel von Kazem Saadeddine wurde Kafka  als  ein zionistischer Schriftsteller vorgestellt.

 

Im Jahre 1983 erfolgte eine Erwiderung auf diese These. Die irakische Schriftstellerin Badiaa Amin veröffentlichte das erste arabische Buch über Kafka mit dem Titel: "Muss man Kafka verbrennen?" (370 Seiten), in dem sie die These von Kafkas Zionismus widerlegte.

 

Die Rolle, die "Kafkas Freund" Max Brod bei der jahrzehntelangen Verzögerung des Kafka-Verständnisses in Europa spielte, übernahmen der "Dekan der Arabischen Literatur" Taha Hussein und der "Dichter" Saadi Youssef bei der jahrzehntelangen Verzögerung des Verständnisses von Kafkas Werk in den arabischen Ländern. So verlor sich Kafka im Arabischen zwischen Religion, Zionismus, Unklarheit, Fremdheit und schlechter Übersetzung.

Der irakische Schriftsteller Farouk Youssef nennt im Jahre 2005 diese Phase "Ein Verrat an Kafka".

 

Die zweite Phase der Rezeption von Kafkas Werk in den arabischen Ländern begann 1994 mit der Veröffentlichung von "Gesamtwerk Kafkas / mit Interpretationen", übersetzt aus dem Deutschen von Ibrahim Watfe. Erst erschien "Das Urteil / mit Interpretationen" (1994, 206 Seiten), dann "Brief an den Vater" (1996, 225 Seiten), dann der erste Band des Gesamtwerks (2000, 850 Seiten), enthält vier Werke: "Das Urteil", "Der Heizer", "Die Verwandlung" und "Brief an den Vater". Im Jahre 2002 erschien "Der Prozess" erst als zweiter Band des Gesamtwerks (in den nächsten Auflagen als dritter Band). Im Jahre 2010 erschien "Der Verschollene" erst als dritter Band (in der nächsten Auflage als zweiter Band).

 

Im Jahre 2005 veröffentlichte die ägyptische wöchentliche Zeitschrift "Literatur-Nachrichten" eine Sonderausgabe über Kafka mit dem Titel:  "Kafka / Das Labyrinth der Realität und die Realität des Labyrinths". Viele Beiträge sind den ersten zwei Bänden des "Gesamtwerks" entnommen.

 

Über die drei Bände des Gesamtwerks wurden weitere mindestens 42 lesenswerte Artikel in anderen Zeitschriften veröffentlicht, geschrieben von 42 Schriftstellern und Kritikern. Diese Artikel wurden dann in einem gesonderten Band mit dem Titel "Kafka in der arabischen Kritik" im Jahre 2006 veröffentlicht. Einige dieser Artikel sind auch auf der arabischen Kafka-Webseite veröffentlicht: www.kafka.ibrahim-watfe.com

https://www.kafka-ibrahim-watfe.com/?lang=de

 

Im Jahre 2014 erschien der vierte Band, der "Das Schloss" enthält. 

Alle vier Bände enthalten auch Übersetzungen zahlreicher Interpretationen, geschrieben von den wichtigsten deutschen Kafka-Experten sowie mehrere Gespräche mit ihnen und viel Material über Kafkas Biographie und Umwelt.

Der fünfte Band erscheint im Jahre 2020 und enthält sämtliche Erzählungen Kafkas sowie Interpretationen. Somit wird das Gesamt-literarische-Werk Kafkas in den arabischen Ländern vorhanden sein.

Der erste und der dritte Band sind in der vierten Auflage, der zweite und vierte in der zweiten verfügbar.

 

Zwischen 2006 und 2019  wurden in arabischen Zeitschriften etwa hundert lesenswerte Artikel über Kafka und seine Wirkungen veröffentlicht. Im Jahre 2020 werden diese einer neuen Auflage des Bandes "Kafka in der arabischen Kritik" zugefügt.

Derzeit zeigt Google, dass Kafka fast täglich in den arabischen Medien erwähnt wird.

 

Im Jahre 2009 erschien eine Übersetzung der Tagebücher Kafkas in den arabischen Emiraten, übersetzt von Khalil Al-Scheich.

Zahlreiche Erzählungen Kafkas sind mehrmals übersetzt und veröffentlicht. Ohne Interpretation,d. h. ohne Wirkung.

Über die Wirkung Kafkas auf die arabische Kultur sind zwei neue Bücher zu erwähnen:

Najm Abdulla Kazem: "Kafka und der arabische Roman" (2018)

Atef Botros: "Kafka im Arabischen / Ikone , die brennt" (2019).

Kafka lebt durch Schreiben

 

Vor sieben Jahren kannte ich Franz Kafka. Es geschah zu einer Zeit, als ich mit dem Mangel an Büchern mit unzähligen unersättlichen Lektüren zu kämpfen hatte und in einem Land voller Restaurants lebte, die kahl von Bibliotheken waren. Ich las Haruki Murakami ... und dies führte mich zu Kafka. Haruki wurde nicht mein Freund und ich weiß nicht warum, aber ich vergesse ihn nie, weil er mich zu Franz Kafka führte.

 

Als ich bei Google die Definition des großen deutschen Schriftstellers las, fragte ich mich: Wie konnte ich ihn vorher nicht kennen? die Namen vieler Schriftsteller und Philosophen, die ich schon in jungen Jahren kannte, ohne ihre Bücher hier in den Regalen dummer Bibliotheken zu sehen, nicht einmal in den Zeitungen und Zeitschriften, die ich ständig las und einige ihrer Seiten Büchern widmete. Durch kannte ich ihn nicht. Mein Nicht-Wissen provozierte mich zutiefst. Erst liebt ich Kafka durch den Roman, der seinen Namen benutzte, dann durch "Die Verwandlung", übersetzt von Munir Al-balabakki. Ich las den Roman als E-Buch, dann las ich die Tagebücher. Über Kafka schrieb ich viel in meinen Heften, im meinem geheimen Blog und auf den Seiten seine Tagebüchern. Mit ihm lese ich immer, überlege mir, weine und schreibe.

 

Das Erste, was ich über ihn empfand, war, dass er eine andere Person war als alle, die ich zuvor gelesen hatte. Er ist kein Schriftsteller. Ich empfand ihn nicht als Schriftsteller, sondern er ist wie ich, wenn ich schreibe. Ein Mensch, der durch das Schreiben lebt. Er schreibt über sich, seine Gefühle und darüber, was er alles erlebt. Franz beschrieb Gedanken und Situationen, die ich immer wieder erlebte, aber ich konnte sie nicht in Worten zusammenfassen. Er ist eigenartig, rätselhaft, aber ehrlich. Vor allem Gregor ist keine erfundene Figur, er ist ein wirklicher Mensch, der gelebt hat und er wurde zerschlagen und keiner beachtete ihn.

 

Dieser Schriftsteller ist wahrer als jeder andere, den ich jemals gelesen habe. Ich erinnere mich noch an die Bilder der ersten Zitate, die ich von ihm gelesen habe, und an die Bilder seiner Bücher in  arabischen Übersetzungen (Watfes Übersetzungen + Tagebücher), die jemand ganz stolz in seiner Bibliothek vorführte, und wie ich  diese Bilder aufbewahrte, damit ich davon weiter träume, sie zu bekommen. Nach einer Weile wurde mein Traum wahr. Mein Traum kostete viel für ein Mädchen, das arbeitslos ist und von gelegentlichen Jobs lebt. Durch mich las eine Bekannte von mir "Die Verwandlung" und sagte mir: "Das Buch ist sehr tief, so etwas habe ich nie gelesen, zurzeit bin ich nicht bereit, weiter von diesem Autor zu lesen". Ich bin bereit, alles von ihm zu lesen, damit ich mich in ihn vertiefe. Obwohl der "Brief an den Vater" mich bedrückte mehr als jedes Buch, das ich je gelesen habe. Aber ich vertiefte mich in Kafka weiter.

 

Meine kafkaische Leidenschaft veränderte mein Leben, als ich ein Kafkaisches Mädchen auf Twitter traf, zu einer Zeit, in der mir Twitter überhaupt egal war. Ich folgte ihr, weil sie Kafkas Leserin war. Sie verschwand Ich wünschte, meine Freundin würde für immer bleiben, und nachdem sie gegangen war, verlor ich die Hoffnung, sie zu finden. Ich wünschte mir, sie bliebe meine Freundin für immer. Zweites Mal durch Kafka lernte ich im Internet die wichtigste Person. Auch ein Kafka-Leser, der mich beeinflusste mehr als die Hälfte der Bücher, die ich gelesen hatte. Mit diesen beiden Kafka-Leser wurde ich überzeugt, dass jeder, der Kafka wirklich liebt, muss ein seltener Mensch wie er sein. 

Und natürlich kannte ich mit Kafka den ohne ihn wäre ich nie zu Kafka selbst gekommen: Der Übersetzer Ibrahim Watfe, und ich höre nicht auf mit dem Dank für seine Existenz, seine Leidenschaft und für mein schönes Glück, wenn ich ihm schreibe, um ihm etwas von dem, was in mir passiert durch seine Wirkungen, mitzuteilen und er antwortet mir.

 

Meine frühere Unwissenheit über Kafka und die Schwierigkeit, seine Bücher zu finden, sowie Leser, die meine Leidenschaft teilen, waren meine Motivation, auf einer bescheidenen Initiative zu bestehen, Bücher auszutauschen und auszuleihen, damit ich finden konnte, was ich wollte, und dann wuchs diese Initiative zu einer anderen Bibliothek auf. Ich zögerte lang, dann nannte ich sie "Kaf-ka"

 

Meine Beziehung zu Kafka ist schwankend. Mal beschäftigt er mich Tage lang

Und tiefe, eigenartige Gefühle ihm gegenüber befallen mich. Aus Mitleid und Liebe ihm gegenüber fühle ich, dass ich seine Mutter bin. Einmal saß ich Tage lang mit ihm. Bis jetzt hasse ich Herman und Max und ich beneide seine  Gefährtin seiner letzten Tage Dora Diamant mit doppeltem Hass auf die Reichen, die in Luxus lebten und starben, während sein Leben Mangel, Hunger und Schmerz war. Und Tage andere nehmen mich von ihm.

Ich kannte Franz Kafka zu einer Zeit, als ich so voller verrückter Lebenserfahrungen war, dass ich weit weg von meiner Seele war. Ich brauchte viel bis ich deren Essenz zu gelangen. Heute nach diesen Jahren mit diesem echten Schriftsteller glaube ich, dass ich ohne ihn nicht wäre, was ich jetzt bin. Und ich wäre nicht hier und dieses schreibe. Dieses ist in Wirklichkeit  nichts im Vergleich zu dem, was ich Kafka direkt schreibe und nicht schreibe.

 

Wafa Alrahili

Blog 2019