Gespräche

 

1 - Ein Gespräch mit einem Interpreten Kafkas

 

Ein Gespräch mit Dr. Christian Eschweiler

(2001)

 

 

2 - Ein Gespräch mit einem Biographen Kafkas

 

Ein Gespräch mit Dr. Reiner Stach

(2003)

 

  

3 - Bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen

 

Ein Gespräch mit Prof. Klaus Jeziorkowski

 (2005)

 

  

4 - Einleuchtende Kapitelfolge

  

Ein Gespräch mit Dr. Hans Paul Fiechter

(2008)

 

  

5 - Kafka bleibt ein Klassiker

  

Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Freien Universität in Berlin Prof. Dr. Peter-André Alt

(2014)

Ein Gespräch mit einem Interpreten Kafkas

 

Ibrahim Watfe:

Sieben Jahre, acht Monate und drei Wochen nach Kafkas Tod wurden Sie geboren. Glauben Sie an Seelenwanderung?

Dr. Christian Eschweiler:

Nein, der Begriff kommt in meinem Weltbild nicht vor. Ich glaube aber wohl an Seelenverwandtschaft, doch dazu gehört Bewusstsein. Bei der Geburt hat man es ganz sicher noch nicht.

 

Watfe: Spaß beiseite! Glauben Sie mindestens an Blutsverwandtschaft? Zum Beispiel zwischen Dichtern wie Goethe und Kafka?

 

Eschweiler: Wenn Sie das in einem geistigen Sinn meinen, bestimmt! Kafka war ein großer Bewunderer Goethes und seiner Kunst. “Goethe sagt fast alles, was uns Menschen betrifft”, war er überzeugt und reiste sogar nach Weimar. Kafka selbst benutzt ausdrücklich das Wort “Blutsverwandte”, wenn er in einem Brief über Grillparzer, Dostojewski, Kleist und Flaubert redet. Damit meint er also seine eigentlichen Verwandten im Fühlen und Denken.

 

Watfe: Und zwischen Kafka und Eschweiler?

 

Eschweiler: Zweifellos. Seine Kunst bedeutete für mich zunächst eine große Herausforderung, weil ich von ihrem tiefgründigen Geheimnis etwas ahnte, es aber nicht verstand. Kafkas Aphorismen, seine Tagebucheintragungen und Äußerungen in Briefen, Gesprächen und Fragmenten überzeugten mich von der Tiefe seiner Gedankenwelt. Ich wurde deshalb immer sicherer, dass dieses     Welt-Bild, das mich in seinen Aussagen zunehmend fesselte, auch der Bilder-Welt seiner Kunstwerke zugrunde liegen müsse. Die Entschlüsselung der großartigen dichterischen Bilder wurde für mich dann zu einer fast immerwährenden Aufgabe. Die allmählich fortschreitende Lösung ergab schließlich ein Mosaik, dessen bunte Teile sich zuletzt zu einem herrlichen, farbigen Ganzen zusammenfügten.

 

Watfe: Ob Sie sich an den ersten Funken zwischen Kafka und Ihnen erinnern? War es “Liebe auf den ersten Blick”?

 

Eschweiler: Ja, als junger Student las ich erstmals Kafkas “Der Prozess” und war von diesem Roman derart fasziniert, dass ich von meinem vierten Semester an nur noch bei Kafka-Experten studieren wollte. Im Winterhalbjahr 1954/55 wurde der damals wohl angesehenste Kafka-Forscher, Professor Wilhelm Emrich von der Universität Köln, mein Lehrer. In seinem Mittelseminar über den Expressionismus schrieb ich meine erste Arbeit über Kafkas “Der Prozess”.   

 

Watfe: Dann haben Sie ja auch Ihre Staatsexamensarbeit im Jahre 1958 über Kafkas “Der Prozess” geschrieben. Danach wurde Emrich Ihr Doktorvater. Aber er ging von Köln nach Berlin und sie gingen ans Bonner Jesuitenkolleg. Was wurde aus Ihrer Dissertation über Kafka?

 

Eschweiler: Da sie sehr weit fortgeschritten war, glaubte ich, sie während der Referendarzeit noch abschließen zu können. Doch das erwies sich als unmöglich. Deshalb habe ich den Roman in Unterrichtseinheiten aufgegliedert und in der Unter- und schließlich nur noch in der Oberprima sozusagen als mein literarisches Vermächtnis meinen Schülern vermittelt. Infolgedessen habe ich den Roman mindestens fünfundzwanzig Mal behandelt und vorher immer wieder gelesen. Dadurch blieb mir Kafka ständig nahe; und die jeweils unterschiedlichen Reaktionen meiner Schüler eröffneten mir viele neue Perspektiven und bedeuteten mir eine außerordentliche Bereicherung. - Angesichts des 100. Geburtstages von Kafka im Jahre 1983 habe ich über ein Jahr lang noch einmal alles, was er geschrieben und ich darüber festgehalten hatte, überarbeitet. Im Juli-Heft 1983 der “Stimmen der Zeit” - am 4. dieses Monats war sein Jubiläum - erschien dann meine erste Veröffentlichung. Sie trug bereits den Titel meiner späteren Dissertation.

 

Watfe: Seit über 40 Jahren befassen Sie sich leidenschaftlich mit der Entschlüsselung der Bilderwelt Kafkas, beschäftigen sich mit seiner geistigen Welt. Alles, was Sie in Ihrem Leben veröffentlichten, ist über Kafka. Sie schrieben sechs Bücher. Alle sechs Bücher sind über Kafka. Drei davon über Kafkas Roman “Der Prozess”. Sie haben praktisch 40 Jahre lang an der Entschlüsselung dieses Romans gearbeitet Wie macht man das? Und warum?

 

Eschweiler: Nach den jahrelangen Vorarbeiten war es für mich zunächst natürlich eine tiefe Enttäuschung, meine Dissertation so kurz vor dem Ziel damals nicht abschließen zu können. Meine neue Unterrichtstätigkeit beanspruchte aber meine ganze Kraft und die beste Tageszeit, die ich bisher ausschließlich meinem Lieblingsdichter gewidmet hatte. Für weniger als das Beste war er mir zu schade. Aber mein Vorsprung blieb glücklicherweise groß genug, so dass ich allem, was andere jetzt über Kafka veröffentlichten, gelassen entgegensehen durfte, zumal immer weniger Forscher nach der tieferen Bedeutung der Dichtung fragten. Die Wissenschaft begnügte sich mit dem Aufspüren und Lösen biographischer und editorischer Probleme.         Dadurch konnte ich meine Kafka-Forschung durch 30 Jahre gelebtes Leben der Sinnsuche und Bildung ergänzen. Ich las die Werke seiner “eigentlichen Blutsverwandten”, seiner Zeitgenossen und geistigen Väter, z. B. Kierkegaards, von dem Kafka behauptete, er bestätige ihn wie ein Freund. Das brachte mir die Erkenntnis, dass in allen großen Denkern und Künstlern immer wieder die gleichen Fragen aufbrechen, um deren Antworten sie ringen. Es war für mich verblüffend festzustellen, wie in dieser völlig unabhängig voneinander geführten Auseinandersetzung Ergebnisse z. T. bis in die Formulierung hinein übereinstimmen. In allen meinen Büchern finden Sie Parallelen zu anderen Dichtern, Denker, Künstlern und Musikern, die mir halfen, das Weltbild Kafkas zu erhellen. Meine Treue zu Kafka ist inzwischen auch Treue zu mir selbst. Und die ist hoffentlich lebenslänglich.

 

Watfe: Die Figur Karl Kafka in dem Buch “Jede Menge Kafka” von Christoph Braendle sagt: “Er fühle sich leer, wenn er sich nicht mit dem Objekt seiner Studien befasse, es gäbe, außer dem, was er in den Schriften K.´s finde, nichts, was ihm mitteilenswert erscheine” (S. 117). Inwieweit gilt das für Sie? Möchten Sie diesen Satz kommentieren?

 

Eschweiler: Von Kafka heißt es: “Hatte er nichts Wesentliches zu sagen, so schwieg er lieber.“ Von seinem Werk kann man deshalb ebenfalls sagen: Es handelt nur von Wesentlichem. Wer das erkannt hat und zum Maßstab nimmt, empfindet alles Unwesentliche notwendig als leer.

 

Watfe: Im Jahre 1962 konstatiert Heinz Ide, dass der Schluss des Romans “bis heute durchweg falsch interpretiert” wurde. Im Jahre 1988 schreiben Sie in Ihrer Dissertation, dass dies “durchaus richtig” ist (S. 74). Bitte erklären Sie mir und meinen arabischen Lesern den letzten Satz des Romans etwas ausführlicher und einfacher als in Ihren Büchern.

 

Eschweiler: “‘Wie ein Hund!’ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.” - Körperlich stirbt der Mensch nicht anders als jede Kreatur. Indem aber Josef K. seinen Tod nur in diesem Sinn hinnimmt und anprangert, versündigt er sich an der höheren Möglichkeit des Menschen, dem bewusst sein sollte, kein bloß biologisches Wesen zu sein; denn er gehört mit seinem entscheidenden Teil einer geistigen Welt an. Ihm ist das  Absolute zugänglich, also die Gedanken der Wahrheit, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Verantwortung. Wer das aber leugnet, entmenschlicht den Menschen und vertiert ihn. Das jedoch ist die größte Sünde wider den Geist. - Indem Josef K. seine Sünde noch erkennt und sich ihrer schämt, wird er wieder zum Menschen. Sein Geist aber bedeutet die Hoffnung aufs Überleben. (Heinz Ide zählt zweifellos zu den wenigen ernsthaften Kafka-Forschern.)

 

Watfe: Für Sie ist die Begriffssprache des dänischen Philosophen Kierkegaard ein Schlüssel für die Deutung und das Verständnis von Kafkas Bilderwelt.

Mit Ihren Vergleichen zwischen Kafka einerseits und Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger andererseits durch unzählige Zitate aus den Werken der vier Denker überzeugen Sie. Sie haben ja die drei Philosophen studiert?

 

Eschweiler: Nach meiner Faszination durch die Kunstwerke, die dichterische Bildersprache, habe ich ja zunächst jahrelang versucht, die Gedankenwelt Kafkas aufzuspüren und zu verstehen, die er in seinen Aphorismen, Fragmenten, Tagebüchern und Briefen festhält. Auf der Grundlage dieser Einsichten und Erkenntnisse wurden dann die dichterischen Bilder allmählich immer durchsichtiger und gaben ihre Bedeutung, den verborgenen Hintergrund, preis. Wenn man nun feststellt, daß Philosophen wie Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger z. B. ähnliche Erlebnisse hatten und zu gleichen Erkenntnissen kamen wie Kafka, dann bedeutet das natürlich eine beglückende Bestätigung und Bereicherung der eigenen Interpretation. In diesem Sinn trägt der Vorspann meiner Dissertation die Überschrift: “Josef K.`s ‘Verhaftung’ in der Sprache von Friedrich Nietzsche”.

Das Studium “der drei Philosophen” war mir eine außerordentliche Hilfe, die geistige Welt Kafkas besser zu erkennen und zu verstehen.   

 

Watfe: Sie suchen Kafka in anderen Dichtern und Sie finden ihn, z. B. in Goethe, Hölderlin und Rilke. Ein Referat von Ihnen heißt “Die großen Fragen der Menschheit aus der Sicht Kafkas und Goethes”. Ein anderes Referat: “Dichtung / eine andere Form der Verkündigung”.

 

Eschweiler: Wie bereits gesagt, bin ich überzeugt, dass alle großen Denker und Dichter vor die gleichen Fragen gestellt sind. Meine unermüdlichen Bemühungen um die Kunst Kafkas haben ihn für mich zu meinem Maßstab werden lassen, den ich natürlich auch an andere anlege. Die Verwandtschaften sind unendlich groß und vielfältig. Aber das macht den beglückenden Reichtum der geistigen Welt aus.

 

Watfe: Ich würde gern etwas über Ihre religiöse Erziehung und über Ihren Glauben wissen.

 

Eschweiler: Ich bin in einem gut katholischen Elternhaus aufgewachsen und als Studiendirektor eines Jesuitenkollegs pensioniert worden. Die abendländische Kultur hat also richtungweisend meine Bildung geprägt. Ich bin überzeugt, dass mein Leben der Auftrag ist, die in mir angelegten guten Eigenschaften zu vervollkommnen und an meine Mitmenschen weiterzugeben. Diese humanistische Grundhaltung wird getragen von meiner Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wunder der Schöpfung, dem ich mich verantwortlich fühle.

 

Watfe: Gibt es etwas Gemeinsames zwischen Katholizismus und Kafka?

 

Eschweiler: Die ethische Grundhaltung, sich so zu verhalten, dass man einer Erlösung würdig wäre.

 

Watfe: Kafka wurde in sehr viele Richtungen übersetzt. Fast in jede Kritik- und Nicht-Kritik-Schule. Ins Jüdische, Formalistische, Psychologische, Philosophische, Gesellschaftliche, Marxistische etc....(Sogar ins Arabische wird er übersetzt!). Haben Sie ihn ins Theologische, oder sogar ins Katholische “übersetzt”? Ein früheres Beispiel: In Ihrer Staatsexamensarbeit (S. 70-71) deuten Sie die “Todesmetaphysik Kafkas in der Grablegung Christi:” an. Sie schreiben: “Die Selbstaufopferung Christi für die Schuld der ganzen Menschheit und zu ihrer Erlösung ist das Ziel Kafkas und seine Forderung an den Menschen. Es ist die immer gleiche Forderung an jeden Menschen, und Kafka spricht daher im Roman von einem neueren Bild in gewöhnlicher Auffassung”.

Oder ist im Grunde alle Kunst eine Art Religion, Ausdruck, Suche des Menschen nach Wahrheit und Sinn?

 

Eschweiler: Und Sie übersetzen ihn ins Arabische!

Zu Ihrer Frage. Die Domszene im Roman “Der Prozess”, insbesondere aber die Grablegungsszene des Altarbildes, beweist, dass Kafka mit der christlichen Symbolik selbstverständlich vertraut ist. Neu ist, dass sich der Betrachter dem Geheimnis des Dargestellten nicht mehr zu nähern vermag. Glauben ist auch für Kafka zweifellos schwieriger geworden. Das ändert allerdings nichts an seiner außerordentlichen Bibelfestigkeit. “Manchmal glaube ich, ich verstehe den Sündenfall wie kein anderer Mensch sonst”, schreibt er einmal und meint damit sein persönliches Ringen um die menschliche Seinsproblematik. In diesem Sinn ist tatsächlich alle große Kunst die Sehnsucht nach einer besseren Welt, also “eine Art Religion”, wie Sie sagen. Das ist eine Thematik, die in allen denkenden Menschen wurzelt.

 

Watfe: Inwieweit gehören Sie der Emrich-Schule an? Wollen Sie die wichtigsten Merkmale der Hauptschulen in der Kafka-Forschung in Stichwörtern sagen?

 

Eschweiler: Für Emrich war die sprachliche Form nur das poetische Gefäß für einen geistigen Inhalt. Sie bedeutete den Weg zum Inhalt, zum verborgenen Hintergrund, wie Kafka selbst sagt. Das ist auch meine Überzeugung. Dagegen steht in erster Linie die sog. formalistische Schule, die dem Kunstwerk jegliche Erkenntnisvermittlung abspricht und daher bewusst auf die gehaltliche Ausdeutung verzichtet. Deutung wird auf Formanalysen beschränkt. Man erkennt paradoxe Zirkel und strukturgleiche Sätze, die aus zwei Teilen bestehen, die einander widersprechen. Auf diese Art und Weise kommt z. B. Martin Walser zu dem verheerenden Ergebnis, bei Kafka sei “der Sinn eigentlich Sinnlosigkeit”. Es ist müßig zu erwähnen, dass eine solche Leerform jede Deutungsmethode ermöglicht und dass infolgedessen Kafka für alles missbraucht werden kann.

 

Watfe: “Brief an den Vater” wird, Ihrer Ansicht nach, fälschlicherweise als pure Anklage verstanden. Was ist er für ein Dokument?

 

Eschweiler: Kafka hat diesen Brief als 36jähriger und fünf Jahre vor seinem Tod verfasst. Er ist also ein Werk des ganz reifen Dichters. Die Anrede “liebster Vater” ist dabei ebenso bewusst formuliert, wie am Schluss der Wunsch, der Brief möge für beide, für Vater und Sohn, “Leben und Sterben leichter machen”. Der Brief ist also ein Dokument wechselseitiger Lebenserhellung und Lebenshilfe. Von Anklage kann überhaupt keine Rede sein, es sei denn, man stellt das ganze menschliche Dasein an den Pranger. In diesem Sinn schreibt Kafka tatsächlich: “Mein Schreiben handelte von Dir, “ und Du bist “ein Hauptthema” meines Denkens. Der Vater wird zum Repräsentanten der Welt und des natürlichen Lebens, mit denen sich der Dichter auseinandersetzen muss. Es ist die Konfrontation einer vita activa und einer vita contemplativa. Vielleicht sollte noch auf den aufschlussreichen Satz von der “Notwendigkeit der Fehler meiner Erziehung, ich wüsste es nicht anders zu machen”, zum besseren Verständnis des Briefes und damit des Vater-Sohn-Verhältnisses hingewiesen werden.

 

Watfe: Ich verstehe den „Brief an den Vater“ als eine Klage und Beschuldigung, eine Klage über den Vater - über jeden Vater, der seinen Kindern nicht erlaubt, sich selbst zu verwirklichen, entsprechend  ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse.

 

Watfe: Im Jahre 1990 waren Sie bei einer Konferenz in Marbach, an der 25 Kafka-Forscher aus aller Welt teilnahmen. Was war das Thema, wie waren die Diskussionen und die Ergebnisse? Haben Sie damals das “Prozess” - Manuskript angesehen. Wie war es?

 

Eschweiler: Das Prozess-Manuskript hatte ich mir schon ein Jahr zuvor angeschaut, um ganz sicher zu sein, von Kafka keinerlei Hinweise zur Reihenfolge der einzelnen Kapitel zu finden. Dabei war ich natürlich ebenso aufgeregt wie ehrfurchtsvoll. Vielleicht durfte ich aber gerade deshalb jede einzelne Seite des Manuskriptes in die Hand nehmen.

Das Thema des Kolloquiums (25.-29.9.90) sollte lauten: “Nach erneuter Lektüre: Franz Kafkas Roman ‘Der Prozess’ “. Inzwischen waren sowohl meine Dissertation (1988) als auch mein Aufsatz zur Kapitelfolge in der Zeitschrift “Wirkendes Wort” (1989) erschienen. Ich sollte das Kolloquium durch ein Kurzreferat mit “Fragen an den Herausgeber” beginnen. Pasley kannte meine Arbeiten und meine polemische Einstellung. Er sagte kurzfristig ab. Ich konnte zwar meine Thesen vortragen, es kam aber zu keiner wirklich ernsthaften Auseinandersetzung, weil die anderen Teilnehmer mehr an editorischen Problemen als an der Kapitelfolge interessiert waren und die meisten ohnehin nur darauf bedacht blieben, ihre bekannten Thesen zu wiederholen. Ein tschechischer Germanist hielt sogar ein ausführliches Referat über den Prager Abgeordneten Dr. Karel Sviha, dessen juristischer Prozess Kafka möglicherweise verfolgt und inspiriert habe. Es ist bezeichnend für die Fragwürdigkeit des ganzen Unternehmens, dass mein Referat mit dem Hinweis, ich hätte inzwischen ein Buch darüber veröffentlicht, nicht in das einige Monate später herausgegebene Ergebnisprotokoll aufgenommen wurde. Die “erneute Lektüre des Romans” hatte offenbar bei keinem das Bedürfnis geweckt, auch erneut darüber zu sprechen.

 

Watfe: Die Einsicht in handschriftliche Originale ist nicht ungefährlich: Sie altern um Jahre, wenn sie für Stunden nur dem Tageslicht ausgesetzt werden.

 

Eschweiler: In Marbach wird das Manuskript in dunklen Räumen unter Verschluss gehalten. Ich durfte es nur in Begleitung eines Wissenschaftlers einsehen.

 

Watfe: Sie haben Max Brod kennen gelernt. Wie war das? Welche Eindrücke hatten Sie?

 

Eschweiler: Es war ein Studentenerlebnis. Brod sprach in einem Hörsaal der Universität wohl Mitte der fünfziger Jahre. Leider hatte ich damals noch keine Fragen zu Kafka. Deshalb ist auch meine Erinnerung nur ganz oberflächlich. Brod erwähnte, sein Freund habe immer dunkle Anzüge getragen und niemals eine Baskenmütze. Vor allem aber beschwor er uns, ihm zu glauben, Kafka sei nie ein Nihilist gewesen.

 

Watfe: Neulich las ich noch einmal Kafkas Biographie von Max Brod. Seine persönlichen Eindrücke über den Freund Kafka, die in 20 Jahren entstanden, sind wertvoll und sehr wichtig für das Verständnis von Kafkas Persönlichkeit. Aber diese Biographie wurde erst im Jahre 1954 veröffentlicht. Also 30 Jahre nach Kafkas Tod. Brod behauptet, dass er diese Biographie im Jahre 1937 schrieb. Also 13 Jahre nach Kafkas Tod. Das heißt, erst nachdem Kafka weltberühmt wurde. In einem anderen Buch versucht Brod, aus Kafka einen jüdischen Denker und Zionist zu machen. Das ist doch zu hoch gegriffen und widerspricht den Prinzipien jeder Wissenschaft und auch jeder Freundschaft. Es untergräbt beide. Später ließ er mit dem Erlös des Prozess-Manuskriptes eine unwichtige, unbeteiligte Person 3,1 Millionen DM kassieren. Das ist unwürdig. Würdig wäre, mit diesem Geld z. B. einen Kafka-Preis oder eine Kafka-Stiftung für Forschungen und Übersetzungen zu errichten. Ich habe den Eindruck, dass Max Brod seinen Freund für seine Sache, die er für eine “gute Sache” hält, ausnutzte.

Was sagen Sie zum ganzen Komplex “Kafka - Brod”?

 

Eschweiler: Es bleibt Brods unbestreitbares Verdienst, schon früh das Genie seines scheu-bescheidenen Freundes erkannt und bekannt gemacht zu haben. Ich glaube, er besaß sogar die Größe, Kafkas Werke über die eigenen zu stellen. Das erklärt dann, warum er nach dessen Tod 1924 sich nur noch als Nachlaßverwalter einen Namen gemacht hat. Der Theaterdonner, den er um die scheinbar widerrechtliche Rettung der Kunstwerke Kafkas inszeniert hat, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Sein Nachhall hat bis heute noch ein weltweites Echo und fehlt in kaum einer Kafka-Publikation. Markt und Werbung waren Max Brod ganz sicher nicht fremd, so dass wir als Studenten schon fast blasphemisch spöttelten: “Unseren täglichen Brod gib uns heute!"

 

Watfe: Mit Janouch habe ich vielleicht ein noch größeres Problem: Für die meisten Kafka-Forscher ist er unglaubwürdig. Sie selbst sehen die zweite Auflage seines Buches “Gespräche mit Kafka” “fragwürdig erweitert”. Trotzdem halten Sie ihn für glaubwürdig und zitieren ihn, wie kein anderer Forscher. Ich bin Ihrer Meinung: Diese Zitate können nur von Kafka stammen. Denn nur Kafka kann wie Kafka schreiben. Auf der anderen Seite ergab meine Analyse seines Buches, es kann nicht stimmen, dass Kafka diese Gespräche mit ihm führte. In einem neuen Buch vom Jahr 1999 steht, dass Janouch fünf Mal kurz mit Kafka zusammenkam, in Kafkas Büro und auf seinem Weg nach Hause. In den letzten Monaten, nachdem ich Ihre Bücher gelesen habe, grübelte ich lange über dieses Problem. Meine Idee ist: Max Brod, der seinen Freund nach seinem Tod für seine Sache ausnutzte, gab Gustav Janouch ein Heft, in dem Kafka einige seiner Gedanken formulierte und sagte ihm: “Mach etwas daraus für unsere gute Sache”.

Halten Sie diese Idee, diese “Lösung”, diesen “Kompromiss” für ausgeschlossen? Haben Sie bei Ihrer Arbeit diesen Widerspruch zwischen Inhalt und “Form” des Janouch-Buches bemerkt?

 

Eschweiler: Brod hat zweifellos Janouchs “Gespräche mit Kafka” nachhaltig propagiert. Das Büchlein wurde ein großer Verkaufserfolg. Dass hiernach Autor, Verleger und Handel - vielleicht um jeden Preis- noch größeres Kapital herausholen wollten, entspricht unserem skrupellosen Wirtschafts-Gewinn-Denken. Da mich aber ausschließlich die tiefgründigen Aussagen der Aufzeichnungen beeindruckten, habe ich mich für deren Herkunft letztlich überhaupt nicht interessiert. Die geäußerten Gedanken sind jedenfalls so bedeutend, dass man Janouch für kongenial halten müsste, wenn das Gesagte nicht von Kafka stammte. - Ich habe persönlich aufschlussreiche Erkenntnisse daraus gewonnen, die uneingeschränkt der geistigen Welt des großen Dichters entsprechen. Über Absprachen zwischen Brod und Janouch kann ich nichts sagen. Sie wären mir auch gleichgültig.

 

Watfe: Das Wort “Zionismus” erwähnen Sie kein einziges Mal in Ihren sechs Büchern. Ausnahme: In Ihrer Dissertation erwähnen Sie das Wort, jedoch nur als Zitat: “Kafka glaubt, weder vom Christentum, noch vom Zionismus (ins Leben geführt worden zu sein)” (S. 310). Manche Personen führen im Arabischen eine “Diskussion” darüber, ob Kafka gläubiger Jude war oder gar Zionist. War er? Was ist davon in seinem Werk?.....in seiner Person? Sagen Sie bitte den arabischen Lesern etwas darüber.

 

Eschweiler: Kafka wurzelt spürbar in der jüdisch-christlich-abendländischen Tradition. Aber seine Werke bedeuten die Auseinandersetzung eines hellwachen und aufgeschlossenen, schonungslos kritischen, modernen Menschen mit seiner Welt. Er ist vom geistigen Auftrag des Einzelnen in diesem Leben überzeugt und hofft auf das “unsichtbare Gericht” während und am Ziel dieses Lebens, aber er war nicht bereit, wie selbst Brod zugeben muss, “irgendwelche Versprechungen, Anweisungen zum seligen Leben zu geben”. Kafka wollte so leben, dass er einer Erlösung würdig wäre, selbst wenn es keine gäbe. Das ist ein diesseitiges Evangelium, das mehr von menschlicher Erkenntnis und Hoffnung bestimmt ist als vom Glauben. Deshalb ist es auch für alle Menschen nachvollziehbar. Kafkas Botschaft bekennt sich zur menschlichen Würde. Sie bedeutet ihm der Maßstab für alles Menschliche.

 

Watfe: Kann eine Erzählung Kafkas, eine einzige, eine Ausnahme bilden, in der er etwas Vordergründiges behandelt? Können Sie erraten, welche Erzählung ich meine?

 

Eschweiler: Das kann ich schon deshalb nicht erraten, weil ich es für völlig unmöglich halte. Seine Dichtung “hat das Schwergewicht in der Tiefe”, wie er einmal gegenüber seiner Verlobten betont; denn für ihn bedeutete Schreiben eine “Form des Gebetes”. Seine Kunst zielt auf das Wesentliche, Hintergründige. Das Vordergründige droht dagegen vom Wesentlichen abzulenken und ist deshalb das Böse: “Böse ist das, was ablenkt”. Nur vordergründige Kunst gibt es nicht. Das ist bei Kafka ein Widerspruch in sich.

 

Watfe: Bei meiner Frage dachte ich an „Schakale und Araber“.

 

Eschweiler: Bitte lesen Sie noch einmal meine Interpretation dieser Erzählung.

 

Watfe:  Wie ist Ihre “Geschichte” mit dem Verlegen und dem Vertrieb Ihrer Bücher.

 

Eschweiler: Mit meinem Verleger hatte ich großes Glück. Da er meinen Ruf als Lehrer, meine Kafka-Leidenschaft und meine Literaturvorträge kannte, zweifelte er die Qualität meiner Bücher nicht an. Weil ich aber nicht nur gute, sondern auch schöne Bücher veröffentlichen wollte, wurde das Ganze etwas teurer, so dass ich mich mit einem zumutbaren Druckkostenvorschuss beteiligen musste. Wir waren uns beide darüber im Klaren, dass derart spezialisierte und anspruchsvolle Literatur kein Verkaufsschlager werden könne. (Bis Ende 1999 hatte der Verlag etwa 2.600 meiner Bücher à 48 DM verkauft.) “Ach, der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt”, klagte schon Hölderlin, und dafür zu schreiben, wäre mir meine Zeit zu schade gewesen. Hölderlin fährt fort: “An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind.” Leider sind das nur wenige, obwohl wir wünschen, es wären alle. Trost ist vor allem in der Erfüllung durch die geglückte Arbeit.

 

Watfe: Max Brod veröffentlichte den “Prozess” - Roman im Jahre 1925, nachdem er die Kapitelfolge nach seinem “Gefühl” ordnete. Dieser Roman begründete Kafkas Weltruhm.

Erst 28 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans bemerkte im Jahre 1953 ein belgischer Germanist bei der vorliegenden Kapitelfolge die Unstimmigkeiten im Ablauf der Jahreszeiten und verlangte eine daran orientierte Umstellung. Die Kafka-Forschung brauchte noch 24 Jahre, um Brods völlig unhaltbare Gegenargumente zu entkräften.

35 Jahre nach dem Beginn dieses Streits legten Sie im Jahre 1988 in Ihrer Dissertation eine neue Reihenfolge der Kapitel im Roman der “Prozess” vor: “Es wäre wünschenswert, wenn bei der Kritischen Ausgabe auch die jetzt im Anhang veröffentlichten unvollendeten Kapitel und Fragmente, sowie die Erzählung ‘Ein Traum’ in den Gesamtzusammenhang eingefügt würden”.

Im folgenden Jahr veröffentlichten Sie einen Aufsatz unter dem Titel “Zur Kapitelfolge in Franz Kafkas Roman-Fragment ‘Der Prozess’ “. Darin fassen Sie die Ergebnisse Ihrer Dissertation zusammen.

Ende 1990 erschien (im Fischer-Verlag) die Kritische Neuausgabe des “Prozesses” als “Roman in der Fassung der Handschrift”, aber mit der alten Kapitelfolge. Ihre Arbeiten wurden überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Warum nicht? Was ist Ihre Meinung?

 

Eschweiler: Tatsächlich habe ich Malcolm Pasley sofort die Ergebnisse meiner Arbeit zugestellt. Daraufhin kündigte er in der Zeitschrift “Der Spiegel” die Neuordnung der Kapitelfolge als literarische Sensation an. Weil er dabei meinen Namen nicht erwähnte, habe ich in der Fachzeitschrift “Wirkendes Wort” meine Erkenntnisse selbst veröffentlicht. Dass bei einer sog. Kritischen Ausgabe dann von all dem nichts mehr vorkommt, bleibt das fragwürdige Geheimnis des Herausgebers. Es ist insbesondere deshalb so schade, weil bei dem derzeitigen Durcheinander der Kapitel das Roman-Geschehen nicht in seiner sinnvollen Entwicklung erkannt und verstanden werden kann. Kafka-Verständnis war leider nicht das Ziel der Kritischen Ausgabe.

 

Watfe: Ich las vielleicht alles, was über Ihre Bücher geschrieben wurde und auch Ihre Korrespondenz. Es wurden einige positive Aufsätze über Ihre Bücher in Lokalzeitungen veröffentlicht. Abgesehen davon fanden Ihre Arbeiten keine Resonanz bei der Kafka-Forschung. Wie kann man den Autor von sechs Kafka-Büchern vollkommen ignorieren?

 

Eschweiler: Ein anerkannter Kafka-Experte sagte mir nach der Lektüre meiner Dissertation wörtlich: “Sie machen mich vor meinen Studenten unglaubwürdig”. Meine Antwort, es gehe mir doch nicht um ihn, sondern um Kafka, überhörte er. Wer sich als sog. Experte einmal einen Namen gemacht hat, ist offenbar selten bereit, seine irrigen Thesen zu widerrufen. Statt dessen wird er mit allen Mitteln auf Schadensbegrenzung bedacht sein. Obwohl ich eigentlich für Experten schreibe, kann ich auf ihre Hilfe nicht hoffen. Aber vielleicht kommt einmal jemand, der sich neu, oder - wie Sie - neugierig für die Kunst Kafkas interessiert, dann wird er in meinen Arbeiten den richtigen Wegweiser finden. - Jedenfalls ist die mitunter spöttische Polemik meiner Bücher auch ein Ausdruck meiner oft unglaublichen Erfahrungen im Umgang mit unzulänglichen, festgefahrenen, gescheiterten, aber deshalb keineswegs weniger selbstgefälligen Kafka-Experten.

 

Watfe: Ihr Problem ist, dass Sie in einer Sprache schreiben, in der gelesen wird. In deutscher Sprache werden von einem guten Buch zehn- oder hunderttausend Exemplare gedruckt. In arabischer Sprache aber ist die Lage anders.

 

Eschweiler: Goethe sagte einmal: “Es ist ein großer Unterschied, ob ich lese zu Genuss und Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung.” Die letztere, also anspruchsvollere Verhaltensweise beschränkt sich auch in Deutschland auf einen kleinen Kreis. Der Markt wird zweifellos nicht vom guten Buch beherrscht, sondern vom reißerischen oder aktuellen. Diese Massenware aber wird von unseren Medien propagiert. In ihnen zählt nicht die Bildung. Das nutzen viele, die in der Öffentlichkeit einen Namen haben, skrupellos aus. Leider gehen die wenigen guten Bücher in der Masse der anspruchs- und bedeutungslosen unter, aber letztlich kommt es auf jene an.

 

Watfe: Kafka schrieb nicht für Leser. Schreiben war für ihn ein lebenswichtiges, sehr persönliches Bedürfnis. Im Deutschen allein wurden schätzungsweise rund 16.ooo Bücher und Artikel über Kafkas Werk veröffentlicht. In den letzten Jahren wurden in Deutschland allein jährlich ca. 150tausend Exemplare seiner Bücher gekauft und gelesen. Wie erklären Sie das?

 

Eschweiler: Die Faszination der dichterischen Bilderwelt Kafkas ist für den denkenden Leser einfach unwiderstehlich. Sie bedeutet eine ständige Herausforderung zur Deutung. Aber leider missachten die meisten Interpreten Kafkas eigene Warnung: “Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.” Deshalb ist es in der Forschung zu unendlich vielen Missverständnissen gekommen.

 

Watfe: Nach Erscheinen Ihres letzten Buches sagten Sie zufrieden: “Jetzt habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte. Jetzt bin ich am Ziel.” Das ist Selbstverwirklichung. Das können nur wenige, sehr wenige Menschen von sich sagen.

 

Eschweiler: Wenn man sich über vierzig Jahre lang um das künstlerische Lebenswerk eines Dichters bemüht und dabei allmählich, aber zunehmend klarer und deutlicher sieht, was man immer geahnt hat, ist das ein wunderbares Gefühl. Am Ende wusste ich, Kafkas Botschaft in seinem Roman “Der Prozess” endlich erkannt zu haben. Das ergab zuletzt eine Sicherheit, die es nicht mehr zuließ, dass auch nur ein einziges Kapitel in der sinnvollen Reihenfolge an einer anderen Stelle denkbar wäre. Mit der Lösung dieser Aufgabe war ich zugleich an die Grenze des mir Möglichen gekommen. Mehr hatte ich nicht zu sagen.

 

Watfe: “Kafka und der Tod”. Das ist eine Wissenschaft für sich, in seinem Leben und in seinem Werk.

Die Sinnmitte sehen Sie darin, dass der Mensch, der durch seine Körperlichkeit sterblich, in seinen Möglichkeiten beschränkt und der Natur verhaftet ist, durch seinen Geist eine Ahnung von der Unendlichkeit hat, woraus eine Spannung entsteht: Der Mensch steht vor der Aufgabe, aus dieser Endlichkeit zur Unendlichkeit zu streben, sich so von der Natur zum Geist zu erheben, indem er seinem Leben eine höhere Ausrichtung gibt. K´s Verhaftung ist für Sie das Ereignis, das dem richtungslos dahinlebenden Bankangestellten Josef K. signalisieren soll, seinem Leben endlich einen Mittelpunkt zu geben.

Im zweiten Teil des Romans nimmt K. den durch die Verhaftung an ihn ergangenen Auftrag an. Aus der Parabel “Vor dem Gesetz” lernt er, dass er sich “in seinem irdischen Leben für eine mögliche Erlösung zu bewähren” habe. Diese Möglichkeit der Erlösung “das Licht der Wahrheit, das in der Parabel erst im Tode aufleuchtet, ist der verborgene Hintergrund der Dichtung Kafkas”. Am Ende seiner Entwicklung weiß K., dass er den Tod deshalb akzeptieren muss und dass er im “Sinn seines Todes zugleich auch den Sinn seines Lebens” findet.

Erstens: Wie richtig habe ich Sie verstanden?

Zweitens: Ist es eine Glaubenssache, ob es tatsächlich eine Erlösung gibt, die dem Leben und dem Tod Sinn verleiht?

 

Eschweiler: Ihre Darlegungen entsprechen durchaus meiner Überzeugung. - Was die tatsächliche Erlösung betrifft, ist sie natürlich reine Glaubenssache. Aber darum geht es nicht. Kafkas Dichtung wird - wie bei vielen modernen Künstlern - von der Ungewissheit bestimmt. Weil der Mensch mehr ist als ein nur biologisches Wesen, weil er mit einem entscheidenden Teil einer geistigen Welt angehört - wie ich schon einmal gesagt habe, und ich darf es hier wiederholen- und dadurch Zugang zum Absoluten hat, also zu den Gedanken der Wahrheit, der Freiheit und der Gerechtigkeit, drängt sich ihm ständig die Sinnfrage auf. Dabei scheiden sich an dem Widerspruch zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit die Geister. Es bedeutet die Würde des Menschen, sich auf ein höheres Ziel auszurichten. Das gibt dem Tod einen Sinn und dem Leben die Richtung. Was danach kommt, ist niemals Gewissheit, aber Hoffnung. Sie fehlt in keiner Dichtung Kafkas. Wer dagegen seine höhere geistige Verpflichtung aufgibt, leugnet seine Auszeichnung gegenüber allen anderen Lebewesen.

 

Watfe: Kafka galt als schwieriger Autor, der dem Leser merkwürdig fremd blieb. Zu undurchdringlich schien vielen die Bilderwelt Kafkas, zu hintergründig seine Formensprache, als dass sie sich dem Leser jemals erschließen könnte. Wer Kafka sagte, dachte an Dunkelheit, Labyrinth, Verrätselung, Sinn- und Ausweglosigkeit. Kafka war das ewige Rätsel, das nicht entschlüsselt werden will. Sein Werk ließ sich inhaltlich und formal keiner literarischen Strömung zuordnen. Kafkas Texte sind unerschöpfliche Gegenstände von Fragen und Auslegungen. Bleiben Kafkas Texte unerreichbare, niemals auszulesende Texte, über die man immer staunen wird? Wie hätte Kafka auf all diese Interpretationen reagiert?

 

Eschweiler: “Dass wir begreifen, was uns ergreift”, lautet die Rechtfertigung einer Deutung. Aber wie jeder Begriff hinter dem Bild zurückbleibt, so vermag auch keine noch so gute Interpretation ein Kunstwerk endgültig auszuschöpfen. Es bleibt ein lebendiger Organismus, von dem man hoffentlich immer wieder neu staunend ergriffen wird.

Weil in aller Kunst Kafkas “das Schwergewicht in der Tiefe” liegt, kann man seine Werke nicht “zu tief” deuten, wohl aber zu vordergründig und flach bis zur Beliebigkeit. Die Kafka-Forschung bietet dafür leider eine unübersehbare Fülle abwegigster Beispiele. Kafka selbst hätte diese Verirrungen wohl allenfalls vornehm behutsam als “ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache” bezeichnet. In Wirklichkeit hat der inzwischen nachweisliche akademische Unsinn die Zugänge zu dem Werk dieses einzigartigen Dichters bis heute noch völlig verschüttet. - Aber es gibt noch Hoffnung!

 

Watfe: Ihnen Dank für Ihre großen Verdienste um Kafkas Werk, besonders Ihre Neuordnung der Kapitelfolge des „Prozess“ - Romans.

 

2001 

2 - Ein Gespräch mit einem Biographen Kafkas

 

Ibrahim Watfe:

Im Jahre 1987 veröffentlichten Sie Ihr erstes Buch über Kafka: „Kafkas erotischer Mythos“ (277 Seiten), in dem Sie die Frauenfiguren Kafkas thematisieren. Es ist ein anregendes Buch. Fünfzehn Jahre später veröffentlichten Sie Ihr zweites Buch überhaupt: „Kafka. Die Jahre der Entscheidungen“ (673 Seiten). Es ist ein Band von drei geplanten Bänden. Wie lange haben Sie am ersten Buch gearbeitet? Und wie ging es weiter? Wie lange am zweiten? Wie viele Jahre werden Sie vermutlich an den anderen zwei Bänden der Kafka-Biographie arbeiten? Wie viele Jahre haben Sie sich mit Kafka im Allgemeinen beschäftigt? Werden Sie sich den Rest Ihres Lebens mit ihm beschäftigen?

 

Dr. Reiner Stach:

„Kafkas erotischer Mythos“ ging aus meiner Dissertation hervor, an der ich mehrere Jahre gearbeitet habe. Das lag aber vor allem daran, dass ich damals, nach Abschluss meines Studiums, meinen Lebensunterhalt verdienen musste und nur wenige Stunden täglich für Kafka aufwenden konnte. Die Kafka-Biografie hingegen ist ein Projekt ganz anderer Dimension, hier war von vornherein klar, dass es wegen der Fülle des Materials eine „Ganztagsbeschäftigung“ werden würde. Ich habe dennoch für den ersten Band beinahe sechs Jahre benötigt, und auch die Fortsetzung, an der ich jetzt arbeite, wird mindestens vier Jahre in Anspruch nehmen. Als Abschluss der Biografie soll dann noch ein Band über die frühen Jahre folgen, aber da ist der Zeitaufwand noch nicht abzuschätzen. Es hängt davon ab, ob ich Material aus dem Nachlass von Max Brod auswerten kann, und falls das gelingt, kann es durchaus sein, dass allein dieses neue Material ein oder zwei Jahre in Anspruch nimmt. Insgesamt aber – so viel lässt sich schon jetzt sagen – wird die Kafka-Biografie sicherlich eine Art „Lebenswerk“.

 

Watfe: Man sagt, wenn man sich mit Kafka beschäftigt, könne man nicht mehr davon lassen. Es scheint, dass dies für viele Kafka-Forscher gilt. Gilt es für Sie auch? Wie und warum? Wie, wann und weshalb war der Anfang bei Ihnen? Wie hat es sich dann entwickelt? Hat sich Ihr Verhältnis zu Kafka im Laufe der Jahre irgendwie geändert? Und wie? Wie wird es zwischen Kafka und Ihnen weitergehen? Was planen Sie? Was vermuten Sie?

 

Stach: Viele, die sich über Jahre mit Kafka beschäftigen, durchlaufen zunächst eine Phase der Identifikation, und bei mir war es nicht anders. Diese Identifikation wurde vor allem durch die Tagebücher und Briefe ausgelöst, die ich kennen gelernt habe, als ich Mitte zwanzig war. Es war ein Schock: diese Schonungslosigkeit der Selbstbeobachtung, diese Wahrhaftigkeit und dieses überwältigende sprachliche Vermögen, und das erste Gefühl war: Das möchte ich auch können. Das war natürlich sehr naiv, aber es führte immerhin dazu, dass ich mich gründlicher auch mit dem Werk beschäftigte.

Die zweite Phase ist dann, dass man sich der Sekundärliteratur aussetzt. Das ist unvermeidlich, denn man bleibt ein Amateur, wenn man glaubt, allein auf die eigenen Ideen sich verlassen zu können. Allerdings ist die Beschäftigung mit der Sekundärliteratur eine harte Geduldsprobe, die schon viele dazu veranlasst hat, sich von Kafka wieder abzuwenden. Zum einen ist diese Literatur ja völlig uferlos, man braucht Wochen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Zweitens aber gibt es zu Kafka Tausende von Arbeiten, die nur dem Zweck dienen, irgend einen akademischen Titel zu erlangen. Diese akademischen Arbeiten sind oft sprachlich hölzern, überspezialisiert, völlig spekulativ, oder sie verlassen sich auf irgend eine „Methode“, mit der sie dann die „wahre Bedeutung“ aus Kafkas Texten herauszupressen versuchen. Ganz zu schweigen davon, dass hier häufig einer vom anderen abschreibt und wirklich Neues nur selten zu finden ist.

Das alles ist nicht sehr erfreulich, aber die Perlen, die man dann doch findet, wenn man nur die Geduld aufbringt, entschädigen für viele Enttäuschungen. Man bekommt plötzlich ein Gefühl für die Tiefe und Unerschöpflichkeit von Kafkas Texten. Zugleich wird man skeptischer gegenüber „Gesamtdeutungen“. Mir erscheint es heute geradezu als grotesk, dass es einmal Leute gegeben hat, die glaubten, mit Hilfe von literaturwissenschaftlichen Methoden oder gar mit „Generalschlüsseln“ — also mit einer einzigen, übergreifenden These — diesem Werk seine Rätsel entreißen zu können.

Meine Achtung vor Kafkas Leistung ist im Lauf der Jahrzehnte eher gewachsen. Vor allem, seit ich mich in den neunziger Jahren der Frage zuwandte, wie eigentlich solche Texte zustande kommen — die biografische Frage anstelle der Sinnfrage —, wundere ich mich fortwährend aufs Neue, welchen unglücklichen, sogar katastropischen äußeren Umständen Kafka getrotzt hat. Das ist bisher nicht genügend gewürdigt worden, finde ich. Kafka hat den Willen zum Schreiben gegen widrigste äußere und innere Voraussetzungen durchgehalten. Zu einem hohen Preis, allerdings, denn er hat sehr viele Texte als Fragmente hinterlassen müssen, und er hat sich gesundheitlich und psychisch bis an den Rand der totalen Erschöpfung gebracht. Ich glaube, wenn jetzt, in diesem Augenblick, die dreibändige Biografie vollendet wäre, dann würde ich mich nochmals genauer mit einigen dieser Widrigkeiten genauer beschäftigen und darüber vielleicht ein paar Essays oder Vorträge schreiben, zum Beispiel über den alltäglichen Antisemitismus, den Kafka erlebt hat und den er kaum je erwähnt, oder über den Hunger und die Kälte während des Krieges in Prag, die Kafka ebenfalls beinahe klaglos ertragen hat.

 

Watfe: Wo liegen die Gründe für die Faszination Franz Kafka? Für Sie, für die Forscher und für die Leser? Sie bewundern und verehren Kafka sehr. Warum genau? Was sind die Gründe?

 

Stach: Die Originalität und die sprachliche Perfektion seiner Texte ist, so glaube ich, in der Weltliteratur beispiellos. Es gibt bei Kafka buchstäblich kein überflüssiges Wort, niemals unterläuft ihm ein schwacher Satz, eine schwache Metapher oder eine Phrase, nicht einmal auf Ansichtskarten, die er aus dem Urlaub schreibt. Und dennoch wirkt es niemals angestrengt oder maniriert, im Gegenteil, seine Sprache scheint auf den ersten Blick sogar sehr einfach zu sein. Schaut man dann genauer hin, blickt man allerdings in Abgründe. Meist eröffnen sich in seinen Texten mehrere Sinndimensionen gleichzeitig, sie fordern daher zum Durchdenken und zum Versuch der Deutung geradezu heraus.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist natürlich Kafkas Radikalität und Modernität. Diese Texte scheinen überhaupt nicht zu altern, ihre Paradoxien funkeln wie am ersten Tag. Auch das gibt es in der Literatur äußerst selten, es ist beinahe ein ästhetisches Wunder, dass so etwas möglich ist. Denn Kafka hat ja keineswegs bewusst versucht, „Zeitloses“ zu schaffen; im Gegenteil, er hat häufig ganz planlos geschrieben und nur aus den Bildern und Figuren, die ihm in den Sinn kamen, diejenigen ausgewählt, die ihm überzeugend und „wahr“ schienen. Deshalb hatte er auch Probleme mit der Steuerung komplexer Handlungsverläufe, die ja unumgänglich ist, wenn man einen Roman schreibt.

 

Watfe: Ihre Quellen für die Biographie Kafkas sind: Seine Briefe, Tagebücher und Werke. Was noch? Forschungsergebnisse? Zeitungen von damals? Eigene Recherchen?

 

Stach: Von größter Bedeutung für mich war zunächst die Kritische Ausgabe der Werke Kafkas, die ja frühere Biografen nicht zur Verfügung hatten. Die Kritische Ausgabe dokumentiert Kafkas Schreibprozess, und das ist von zentraler Bedeutung bei einem Autor, der ja, wie schon gesagt, viel mehr Fragmente hinterlassen hat als vollendete Werke und bei dem es überhaupt keine scharfe Grenze gibt zwischen „privaten“ und „literarischen“ Aufzeichnungen.

Eine weitere wichtige Quelle sind Kafkas Briefe an Felice Bauer. Die sind zwar schon seit mehr als vierzig Jahren publiziert, aber noch nie hat sie jemand biografisch exakt ausgewertet, obwohl sie eine riesige Menge von anschaulichen Details bieten. Allein dafür habe ich etliche Monate benötigt, aber diese Arbeit hat sich gelohnt, weil die Mosaiksteine, wenn man sie geschickt zusammensetzt, insgesamt ein ziemlich plastisches Bild von Kafkas Umgebung bieten. Es ist wie ein riesiges Puzzle.

Sehr wichtig sind in der Tat zeitgenössische Tageszeitungen. Nur darf man sich nicht darauf beschränken (wie das bisherige Biografen getan haben), in damaligen Zeitungsartikeln nach unmittelbaren Bezügen zu Kafka-Zitaten zu suchen. Es ist zwar ganz nett, wenn man Kafkas Verlobungsanzeige auffindet. Viel wichtiger aber ist es, sich möglichst viele derartiger Anzeigen unter kulturhistorischen Aspekten anzuschauen – zum Beispiel, um festzustellen, ob es noch immer üblich war, zuerst vom eigenen Vermögen zu reden, wenn es ums Heiraten ging. Auch die damalige Werbung ist äußerst aufschlussreich. Man findet zum Beispiel sehr viele Anzeigen, die medizinische Hilfe gegen „Nervosität“ anpreisen — das war also ein Zeitphänomen und keineswegs ein Spleen Kafkas. Interessant ist auch, wenn man Heiratsannocen im sprachlichen Stil des 19. Jahrhunderts liest, und direkt daneben sind Anzeigen für Verhütungsmittel oder sogar für erotische Postkarten abgedruckt, ohne jede sprachliche Verschleierung. Man sieht hier buchstäblich, wie die Moderne in den Alltag einbricht und die überkommene Moral überrollt. Kafka hat in einer Zeit gelebt, in der sich plötzlich die Türen öffneten und der eisige Wind der modernen Warengesellschaft hereinfegte. Die Modernität seiner Texte, von der ich sprach, ist ohne diese Erfahrung kaum zu begreifen. Dass dies für die damaligen Menschen eine Schockerfahrung war, kann man aber nur dadurch nachempfinden, dass man sich zeitgenössische Quellen ansieht, vor allem Zeitungen.

 

Watfe: Wagenbach reiste nach Tel Aviv zu Max Brod. Sie reisten nach New York zu Felice Bauers Sohn. Für meine Leser ist es sehr interessant, wie man so etwas macht: Kosten, Zeit, etc... Ihre Ergebnisse sind neu. Der Leser erfährt von Ihnen mehr als Kafka damals wusste. Felice Bauer kommt zu ihrem Recht.

 

Stach: Auch die Reise in die USA wurde überwiegend vom S.Fischer Verlag finanziert. Es war uns klar, dass die Informationen von Felice Bauers Sohn sehr kostbar sein würden, und das hat sich dann ja auch bestätigt. Erst diese Informationen haben es mir ermöglicht, die Beziehung Kafkas zu seiner Braut auch einmal von der anderen Seite zu zeigen, aus einer anderen Perspektive. Solche Perspektivwechsel sind mir sehr wichtig für die Biografie, denn man bekommt kein objektives Bild von Kafka, wenn man ständig nur aus seiner eigenen Sicht erzählt. Man läuft dann sogar Gefahr, Kafkas Irrtümer und Missverständnisse zu wiederholen. Wie wir jetzt wissen, hat Felice Bauer einiges verschwiegen, was Kafka unbedingt hätte wissen müssen, einige moralische Katastrophen, die in ihrer Familie passiert sind, und insofern weiß der Leser an manchen Punkten tatsächlich mehr über Kafkas Verlobung, als der Verlobte selbst gewusst hat. Wobei ich mir aber völlig darüber im Klaren bin, dass es noch immer sehr viel gibt, was wir nicht wissen.

 

Watfe: Wo liegen die Hauptunterschiede zwischen Ihrer Biographie Kafkas und den anderen Biographien?

 

Stach: Die Perspektivwechsel, die ich eben nannte, sind ein solches Moment, das meine Biografie von anderen unterscheidet, überhaupt der Einsatz von literarischen und „filmischen“ Mitteln. Vor allem aber auch der Umfang: Es hat bisher überhaupt noch keine Kafka-Biografie gegeben, die versucht hat, das gesamte verfügbare Wissen zu bündeln, das Wissen auf heutigem Stand. Und zwar so zu bündeln, dass es auch für den Nicht-Philologen, den Nicht-Spezialisten zugänglich wird.

Der Umfang hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich versuche, ein Zeitpanorama zu entwerfen, um dem Leser ein Gefühl für die damaligen Lebensumstände zu vermitteln. Viele Entscheidungen Kafkas sind anders gar nicht verständlich — und mir kommt es ja vor allem darauf an, nicht nur zu zeigen, was alles passiert ist, sondern welche Optionen Kafka überhaupt hatte. Auch hierin unterscheide ich mich von anderen Biografen. Es hat keinen Sinn, psychologisch darüber zu spekulieren, warum Kafka seine Braut nicht öfters angerufen hat, wenn man nicht weiß, wie umständlich damals Telefonate ins Ausland waren und wie blitzschnell andererseits die Post war. Ebenso die Frage, warum Kafka, wenn das Zusammenleben mit den Eltern so schwer erträglich war, nicht einfach eine eigene Wohnung genommen hat. Das kann man nicht allein psychologisch erklären, man muss sehen, was damals üblich war im mittleren Bürgertum und was ein Affront gegen die eigene Familie gewesen wäre. Das alles braucht aber natürlich Zeit und Raum. Und daher werden es leider drei Bände. Aber etliche Leser haben mir inzwischen bestätigt, dass die Nähe zum Geschehen, die dadurch erreicht wird, den Aufwand lohnt. Man darf sich nur nicht zu sehr in die Kulturgeschichte verzweigen, der Kontakt zu Kafka sollte immer bestehen bleiben.

 

Watfe: Inwieweit werfen die Ergebnisse Ihrer Forschung ein anderes Licht auf welche Aspekte des Kafka-Lebens? Inwieweit ändert sich das Kafka-Bild durch Ihre Arbeit?

 

Stach: Ich deutete es bereits an: Kafkas Leben war aus objektiven Gründen viel schwerer zu bestehen, als wir das bisher angenommen haben. Er war ja ein Meister des Klagens, manchmal sogar des Jammerns. Aber über Dinge, die alle betrafen, hat er sich sehr selten beklagt. Wenn wieder einmal Steine gegen Juden geworfen wurden, hat er das mit einer ironischen Bemerkung abgetan. Immer wieder bekam er in seinem Büro Leute zu sehen, die schreckliche Arbeitsunfälle erlitten hatten und die nun eine Rente wollten; das muss psychisch belastend gewesen sein, aber er hat sich darüber nicht beklagt. Selbst in seinem letzten Lebensjahr in Berlin, als die Inflation seine Ersparnisse und seine Rente vernichtete und er krank in kalten Zimmern lag, nicht einmal in dieser Situation hat er sich beklagt.

Man muss wohl davon ausgehen, dass Kafka psychisch viel stärker war, als wir bisher angenommen haben, und dass seine Überlebensstrategien und sein ausgeprägtes Gefühl für Würde und Wahrhaftigkeit ebenso bedeutsam sind wie seine Empfindlichkeiten und seine Depressionen, von denen immer nur die Rede ist. Kafka war ein Hypochonder, das ist richtig, er war auch in gewissem Sinne verwöhnt, er konnte keinen Lärm ertragen, er brauchte ganz bestimmte Lebensmittel, die nicht leicht zu beschaffen waren, und sein Hang zur Askese wirkt manchmal zwanghaft. Auf der anderen Seite hat er aber erstaunliche psychische Energien mobilisiert, um mit der eigenen Konstitition und mit den äußeren Katastrophen fertig zu werden und dabei noch produktiv zu bleiben, und diese Leistung ist bisher eindeutig unterschätzt worden.

 

Watfe: Kafka schrieb soviel wie nichts über den ersten Weltkrieg: Deutschland erklärte den Krieg gegen Russland. Nachmittag Schwimmschule. Und er hat sich nicht an den Diskussionen über den Krieg beteiligt. Sie aber sehen diesen Krieg als lebensentscheidend für Kafka und beschreiben die Auswirkungen auf Kafkas Leben und frühen Tod. Das ist neu und wichtig. Auch der historische Hintergrund des Krieges, den Sie darstellen, ist brillant. Ich glaube, kein Historiker kann es besser.

 

Stach: Kafka hat 1914 innerhalb von nur drei Wochen die beiden großen Katastrophen seines Lebens erfahren: Die eine war die „Entlobung“ im Berliner Hotel Askanischer Hof, wo ihm vor Zeugen äußerst peinliche, intime Fragen gestellt und massive Vorwürfe gemacht wurden. Diese Demütigung ausgerechnet von der Frau, die er liebte, hat Kafka niemals verwinden können. Er hat sich von diesem Moment an immer stärker zurückgezogen, wurde misstrauischer, nach außen auch kälter.

Die zweite Katastrophe, der Krieg, wurde von den bisherigen Biografen geradezu naiv vernachlässigt, und zwar wiederum deshalb, weil Kafka eine Scheu hatte, über Beschwernisse zu klagen, die andere noch viel härter trafen. Er musste zwar nicht an die Front, aber man sollte sich doch klar machen, dass Kafkas größte Hoffnung, nämlich von Prag und von seinem Büro wegzukommen und als Schriftsteller zu leben, durch den Krieg dauerhaft zerstört wurde. Hätte er gekündigt, dann hätte er sich sofort bei seinem Regiment melden müssen. Auslandsreisen waren nicht mehr möglich, selbst private Telefonate ins Ausland waren verboten, alle Briefe wurden von der Zensur gelesen – wie soll man unter solchen Bedingungen die Beziehung zu einer Frau in Berlin aufrecht erhalten? Die wenigen wichtigen Literaten, die Kafka kennen gelernt hatte und die ihm hätten helfen können, waren alle im Krieg: Robert Musil und Ernst Weiß zum Beispiel; auch sein Verleger war an der Front und konnte sich um Kafka nicht mehr kümmern. In einem Augenblick also, in dem Kafka endlich ein neues Leben außerhalb Prags beginnen wollte, wurde er völlig auf sich zurückgeworfen, in seiner Heimatstadt gleichsam eingesperrt.

Ganz zu schweigen von den sozialen Zuständen, die während des Krieges in Prag herrschten: extrem teure Lebensmittel, Wohnungsnot, Kohlenmangel, Flüchtlingselend, zunehmender Antisemitismus. Auch wegen der Zensur konnte Kafka über diese Dinge in Briefen nicht offen sprechen, aber es ist doch klar, dass dies alles eine enorme Belastung war. Es ist wirklich erstaunlich, dass er trotz allem während der ersten Monate des Krieges noch einmal eine lange Schaffensphase hatte, die er unter widrigsten äußeren Umständen auch ausnutzte – mit nächtlichem Schreiben bis zur Erschöpfung.

 

Watfe: Der jetzt vorliegende Band ist aus sich heraus verständlich, ist eine abgeschlossene Biographie der wichtigen Jahre im Leben Kafkas. Komplex: Nachlass von Max Brod. Dieser Nachlass besteht vor allem aus Brods Tagebücher, die er 60 Jahre lang schrieb und seiner Korrespondenz mit Kafka innerhalb von 22 Jahren. 35 Jahre nach Brods Tod wird dieser Nachlass immer noch unter Verschluss gehalten. Wer sind die Erben Brods? Warum geben sie seinen Nachlass nicht frei? Wo liegt das Problem? Was wissen Sie darüber? Wann rechnen Sie damit, dass er endlich erschlossen werden kann? Sie geben an, Brods Nachlass sei der Grund dafür, dass Sie den zweiten vor dem ersten Band der Kafka-Biographie schrieben und veröffentlichten. Das heißt, Sie betrachten diesen Nachlass für eine immense Quelle für Kafkas Leben. Aber Kafka hielt, wie bekannt, Distanz gegenüber Brod. Wollen Sie ein paar Stichwörter über die Beziehung zwischen den beiden sagen?

 

Stach: Brod hat seinen Nachlass der Frau vermacht, mit der er im Alter  zusammen war, und diese Frau lebt noch heute in Tel Aviv. Ihre Bedenken, den Nachlass zugänglich zu machen, sind insofern verständlich, als dort natürlich zahlreiche persönliche und intime Dokumente liegen, Liebesbriefe zum Beispiel, die nicht unbedingt veröffentlicht werden müssen.

Aber es ist eben ein Unterschied, solche Dokumente zu veröffentlichen oder sie wissenschaftlich auszuwerten, und wenn das in verantwortlicher Weise geschieht, spricht eigentlich nichts dagegen, auch nicht in moralischer Hinsicht. Auch ein Liebesbrief kann ein Zeitdokument sein. Es wäre zum Beispiel äußerst aufschlussreich, zu sehen, wie Brod mit der ständigen Einmischung seiner Eltern in seine erotischen Beziehungen fertig geworden ist: Inwieweit sie das toleriert haben, inwieweit er sich geheime Freiräume geschaffen hat, und vor allem: Inwieweit er die Auffassung der Eltern, welche Art von Frau für eine Ehe überhaupt in Frage kommt, dann selbst übernommen hat. Brod war da mit genau denselben Einflüssen und „Steuerungsversuchen“ konfrontiert wie Kafka. Der Vergleich würde wahrscheinlich sehr viel deutlicher machen, ob Kafkas Situation und sein Verhalten außergewöhnlich waren oder eher zeittypisch.

Es hängt eben mit der Art meiner biografischen Arbeit zusammen: Ich benötige Hintergrundmaterial, eine Folie, vor der Kafkas Gestalt deutlicher hervortritt. Zweifellos kommt in Brods Tagebüchern auch Kafka vor; ich würde aber keineswegs, wenn ich sie zur Verfügung hätte, nur diejenigen Stellen herauspicken, die explizit von dieser Freundschaft handeln. Ebenso bei den Briefen: Der Briefwechsel Brod-Kafka ist ja zum Glück aus dem Nachlass publiziert, dem hatte die Erbin schon in den achtziger Jahren zugestimmt. Aber mich interessieren auch die anderen Korrespondenzen Brods, die in seinem Nachlass erhalten sind, das sind mindestens 15.000 Briefe, darunter viele von Verlegern, Schriftstellern, Politikern. Außerdem befindet sich dort viel Materiel über die Schul- und Universitätszeit, also über diejenigen Jahre, aus denen wir im Fall Kafkas fast gar nichts besitzen. Auch Brods Tätigkeit als ziemlich idealistischer Zionist – die von Kafka genauestens beobachtet und bisweilen auch kommentiert wurde — ist ohne den Nachlass nicht zu dokumentieren.

Ob wir allerdings dem Rätsel dieser Freundschaft dadurch näher kommen werden, bezweifle ich. Brod war ein geduldiger Zuhörer, ihm ging das Schreiben viel lockerer von der Hand als Kafka, der ihn deshalb bewunderte. Und Brod bot ein emotionales Netz, wenn es Kafka besonders schlecht ging. Dennoch hat sich Kafka von Brod niemals zu irgend etwas überreden lassen, weder zum Zionismus noch zu einer angeblich produktiveren Arbeitsweise. Er blieb völlig er selbst. Wahrscheinlich kann ich erst am Ende meiner Arbeit, im Band über die frühen Jahre, etwas Grundlegendes zu dieser Freundschaft sagen, und ich hoffe sehr, dass der Nachlass Brods bis dahin wissenschaftlich erschlossen ist.

 

Watfe: Brod kannte Kafkas Tagebücher nicht, und sah Kafkas Briefe an Felice Bauer erst Jahrzehnte nach seinem Tod.

Der ganze Band enthält kein Wort über „Kafkas Judentum“. Zweitens: Wörtlich schreiben Sie, dass Kafka „den organisierten Zionismus zeitweilig abstoßend fand“. Und: „in die weltanschaulichen Debatten, die in der zionistischen Hauszeitschrift Selbstwehr geführt wurden, mischte er sich niemals ein – obgleich er deren Herausgeber und Beiträger allesamt kannte -, und auch in den zahlreichen Briefen, die Kafka hinterlassen hat, umgeht er die theoretischen Fragen des Zionismus mit Desinteresse und Schweigen. `Das Richtige` suchte er woanders, das Richtige war der unmittelbare, authentische, unverstellte Ausdruck, im Schreiben“ (S.57).

Das lässt gerade den arabischen Leser aufhorchen. Denn nirgends in der Welt wurde „Kafkas Judentum“ und sogar „Kafkas Zionismus“ mehr besprochen, mehr falsch und missverstanden als im Arabischen.

Möchten Sie dem arabischen Leser etwas mehr darüber, nach heutigem Stand, mitteilen? Ich glaube, keiner kennt das Thema mehr und besser als Sie.

 

Stach: Kafkas Grundproblem war die Frage der eigenen Identität. Dieses Problem, mit dem ja jeder irgendwann konfrontiert ist, kann man auf zwei ganz verschiedene Weise lösen: Entweder man identifiziert sich mit einem Kollektiv ("Ich bin Jude", oder "Ich bin Deutscher", oder "Ich gehöre zum Adel"), oder man schafft sich selbst eine Identität, die man dann gegen die ganze übrige Welt durchsetzt. Da Kafka sich vor allem als Schriftsteller fühlte, interessierte er sich eher für die zweite Lösung, denn die Schriftsteller bilden ja kein Kollektiv, in dessen Mitte man sich aufgehoben fühlt, ohne tatsächlich etwas geleistet zu haben. Er las daher jede Menge Biografien über Leute, die sich auf ihrem Gebiet oder mit einem bestimmten Plan durchgesetzt haben; z.B. über Napoleon, oder über einen Pflanzer, der gegen den Urwald kämpfte, oder über eine ganz isolierte Feministin. Er interessierte sich vor allem für erfolgreiche Lebensläufe von Leuten, die auf die Meinung des Kollektivs nicht angewiesen waren, sondern ihren eigenen Weg gingen. Nachdem Kafka aber mit mehreren Werken gescheitert war - vor allem, nachdem er den "Process" aufgeben musste -, glaubte er nicht mehr so ganz daran, dass er auf dem Niveau eines Flaubert oder Dostojewski würde hervortreten können. Und so wurden kollektive Identitäten immer wichtiger für ihn. Die jüdische Identität war natürlich das nahe liegende. Aber in Kafkas Familie - und in sämtlichen wohlhabenden jüdischen Familien - war von der traditionellen jüdischen Kultur nicht mehr sehr viel übrig. Man ging an zwei oder drei Festtagen in die Synagoge, das war schon alles. Das war Kafka natürlich zu wenig. Aber einfach den traditionellen jüdischen Glauben wieder reaktivieren, das war ebenfalls unmöglich, denn dazu war Kafka zu modern erzogen, und viel zu skeptisch. In dieser Situation bot der Zionismus einen verlockenden Ausweg. Er begeisterte viele junge Juden, denn das Ziel des frühen Zionismus war es ja, die Würde der verfolgten Juden wieder herzustellen. Es war ja typisch für die damalige Zeit, dass Juden ständig darauf achten mussten, welche Meinung die anderen von ihnen hatten, die Nichtjuden. Daraus resultierte eine ängstliche Lebenshaltung. Dass Juden einmal ein eigenes Territorium besitzen würden, wo sie dieses ständige Anpassen und Unterordnen nicht mehr brauchten, war ein befreiender Gedanke, der auch Kafka eine Zeitlang begeisterte. Allerdings war er ein ganz unpolitischer Mensch. Ihn begeisterte die Begeisterung, das Sich-Einsetzen für eine Sache, die man als richtig erkannt hat. Weniger begeisterte ihn, was er auf dem zionistischen Kongress in Wien erlebte, denn dort ging es zu wie bei einer Vereinssitzung, und es wurde von morgens bis in die Nacht über Dinge gestritten, in denen Kafka den Kerngedanken des Zionismus nicht mehr wieder erkannte. Das ist auch der Grund dafür, warum sich Kafka gegen die ständige Propaganda Max Brods zur Wehr setzte. Brod wollte sogar, dass sie beide das Schreiben in den Dienst des Zionismus stellten, und das kam nun für Kafka überhaupt nicht in Frage. Ebenso weigerte er sich, bei den Richtungskämpfen mitzumachen oder gar irgendwelche Ämter in zionistischen Vereinigungen zu übernehmen. Trotzdem blieb die Möglichkeit, nach Palästina auszuwandern, bis an sein Lebensende eine tröstliche Utopie. Er wusste, es gibt einen Ausgang, der aus dem im Krieg zerrütteten alten Europa hinausführte, und es tröstete ihn, dass einige seiner Bekannten diesen Ausgang tatsächlich nutzen. Insofern ist die Frage, ob Kafka "Zionist" war, nur sehr schwer zu beantworten. Er war mit Sicherheit kein Ideologe, und es entging ihm nicht, dass viele Zionisten völlig naiv waren und glaubten, mit einem eigenen Land seien schon alle Probleme gelöst. Aber dass das Judentum aus sich heraus diese neue Bewegung geschaffen hatte, das machte ihn auch ein wenig stolz. So viel zu diesem Problem, über das noch sehr viel mehr zu sagen wäre, aber dann würde es ein kleiner Aufsatz.

 

Watfe: Die Lektüre Ihres Buches war für mich ein reiner Genuss. Sie verwandeln Kafkas Leben in einen sehr spannenden Roman. Eigentlich muss man Ihr Buch einen biographischen Roman nennen. Er ist spannender, lebendiger als Kafkas wirkliches Leben. Ist das richtig? Also Sie haben schon verfasst. Aber ich empfinde das als „erlaubt“.

 

Stach: Es ist richtig, dass ich bestimmte literarische Techniken verwendet habe, die sonst eigentlich nur in Romanen vorkommen. Nicht, um Kafkas Leben als spannender erscheinen zu lassen, als es in Wirklichkeit war — ich glaube, es war spannend genug, dafür hat schon der Krieg gesorgt —, sondern um dem Leser bestimmte Dinge so sinnlich wie möglich vor Augen zu stellen und ihm einen Zugang zu ermöglichen, den ich in meinem Vorwort als „historische Empathie“ bezeichne.

Dennoch höre ich den Begriff „biographischer Roman“ nicht so gern, denn Romane sind ja gewöhnlich Fiktionen. Mein Ehrgeiz ist es aber, ausschließlich Fakten zu verwenden: Alles ist belegt oder zumindest belegbar, und es käme mir geradezu absurd vor, meine Lebenszeit zu verschwenden, um einen Roman zu erfinden mit Kafka als Hauptfigur. Einige wenige Kritiker aber hatten genau diesen Verdacht, sie schlossen von der Romanform auf die Fiktion und begegneten daher dem gesamten biografischen Projekt mit dem größten Misstrauen. Interessant ist übrigens, dass dies bisher nur in Deutschland passiert ist. Als die spanische Übersetzung erschien, haben die dortigen Kritiker gerade das romanhafte Moment als positiv herausgestellt.

 

Watfe: Über Ihre Arbeit: Wie organisieren Sie Ihre Arbeit? Ich meine Ihren Tages- und Jahresablauf?

 

Stach: Ich bin ein ziemlich langsamer Arbeiter und brauche leider — ebenso wie Kafka — sehr viel Ruhe, um den nötigen Grad von Konzentration zu erreichen. Es hat sich daher als die beste Lösung erwiesen, in Hamburg eher zu lesen und zu recherchieren, auf den Kanarischen Inseln jedoch die eigentliche Arbeit des Formulierens zu leisten, denn dort bin ich ziemlich ungestört, und die Landschaft und das Klima sind dem Nachdenken sehr förderlich. Daher wechsle ich regelmäßig zwischen diesen beiden Orten.

Die Vernetzung der vielen Themen, die philologische Arbeit mit der Kritischen Edition und das Speichern und „Verwalten“ der gewonnenen Ergebnisse über Jahre hinweg wäre mir allerdings ohne Computer völlig unmöglich. Der Computer ist ein sehr mächtiges Arbeitsinstrument, ganz zu schweigen davon, dass Internet und E-mail-Verbindung es mir ermöglichen, von jedem Ort der Welt aus an bestimmte Informationen heranzukommen, ohne dass ich eine Bibliothek mit mir herumschleppen müsste. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es in den achtziger Jahren war, als ich mein erstes Buch mit Hilfe von Zettelkästen schrieb. Und auch die Leistung derjenigen, die eine Generation vor mir bereits über Kafkas Biografie geforscht haben, ist kaum zu überschätzen, wenn man bedenkt, dass sie ohne die heutigen technischen Mittel auskommen mussten.

 

Watfe: Meine Leser sind fast ausschließlich Schreiber. Für sie habe ich eine spezielle Frage an Sie. Ich denke, diese Frage ist für diese Leser eine der wichtigsten Fragen dieses Gesprächs. Es wäre für jeden arabischen Forscher ein Lebenstraum einen Verlag zu finden, der sein Lebensprojekt finanzieren würde. So etwas gibt es im arabischen Verlagswesen leider nicht. Wie war es, wie ist es bei Ihnen und dem Fischer Verlag? Lebten Sie wirklich sieben Jahre lang von Honorarvorschüssen? Das hieße, Sie lebten vom Ertrag eines Buches bevor es erschienen ist. Oder haben Sie im Lotto gewonnen? Was haben Sie mit der „Kritischen Ausgabe“ Kafkas zu tun?

 

Stach: Die derart langfristige Förderung eines Projekts durch einen Verlag ist auch in Deutschland sehr selten. Man muss bedenken: Als der S.Fischer Verlag sich bereit erklärte, meine Arbeit über Jahre durch die Vorschüsse von Honoraren zu finanzieren, war ja noch gar nicht abzusehen, wie lange ich tatsächlich brauchen würde, und es lagen auch noch keine Textproben vor — einmal abgesehen von meinen sonstigen Publikationen, zumeist literarische Essays, von denen zwei prämiert worden waren. Es war einfach ein Akt des Vertrauens. Allerdings war ich dem Verlag schon persönlich bekannt, denn ich hatte dort einige Jahre als Wissenschaftslektor gearbeitet. Auch heute noch nehme ich hinsichtlich der Kritischen Kafka-Ausgabe für den Verlag die Funktion eines Lektors wahr — es fehlen ja noch einige Briefbände sowie die Amtlichen Schriften Kafkas, um diese Ausgabe zu vervollständigen.

 

Watfe: Wie erfolgreich ist Ihr Buch? Wie hoch war die erste Auflage? Folgten andere Auflagen oder werden sie folgen? Mit wie vielen Exemplaren? Wie viele Rezensionen wurden veröffentlicht? Wird das Buch übersetzt? (sehr gern würde ich es sofort ins Arabische übersetzen, finde aber leider keinen Verlag und aus eigenen Mitteln kann ich es nicht drucken lassen). Wie viel Interviews über Ihr Buch gaben Sie bis jetzt?

 

Stach: Mittlerweile (Anfang 2004) ist die 4. Auflage im deutschen Buchhandel, knapp 20.000 Exemplare sind verkauft, und im Oktober 2004 wird das Buch auch als Taschenbuch erscheinen. Ich bin mit diesem Ergebnis natürlich sehr zufrieden, denn „leichte Lektüre“ ist diese Biografie nicht, und auch die farbigen Passagen fordern vom Leser Konzentration. Offenbar hatte aber die Reaktion der Medien einen wesentlichen Anteil daran, dass das Buch über den Kreis der ausgesprochenen Kafka-Liebhaber hinaus gelangte. Es gab zahllose Rezensionen, die ich schon längst nicht mehr zähle, es ist eine dicke Mappe mittlerweile; einige Male trat ich in Fernsehsendungen auf, dazu kamen etwa 25 Radio-Interviews und fast 40 Lesungen, von denen die meisten ausverkauft waren. Ich kann mich also über Aufmerksamkeit nicht beklagen, und nach etlichen Jahren eines ziemlich isolierten Lebens war das eine glückliche Phase, die mir das Gefühl vermittelte: Es hat sich gelohnt.

Da Kafka ein Weltautor ist, wird es natürlich ein weiterer Prüfstein für mich sein, inwieweit die Biografie auch international Anerkennung findet. Die spanische Ausgabe ist im Frühjahr 2003 erschienen, die englische Übersetzung wird 2005 folgen, übrigens auch eine koreanische Übersetzung. Wobei ich auch mit den Übersetzern ungeheueres Glück hatte, es sind Meister ihres Fachs. Das ist von Bedeutung bei einem Text, der sich ja, wie gesagt, auch literarischer Mittel bedient.

 

Watfe: Wann erscheinen die anderen beiden Bände der Kafka-Biographie? Wie umfangreich werden sie sein?

 

Stach: Wenn man die verworrene Quellenlage bedenkt, ist es ist eigentlich noch zu früh, um etwas zu versprechen; aber ich bin mir ziemlich sicher, dass im Jahr 2008, zum 125. Geburtstag Kafkas, zwei Bände der Biografie vorliegen werden, wahrscheinlich auch schon auf Englisch. Da der Band, an dem ich jetzt arbeite, ein ganzes Jahrzehnt umfasst (von 1915 bis zu Kafkas Tod 1924), wird er wohl kaum von geringerem Umfang sein als der bereits erschienen.

 

Watfe: Im vorliegenden Band berichten Sie nicht über die Reise Kafkas (mit Max Brod) nach Paris im Jahre 1910. Warum? Vielleicht weil Binder ein ganzes Buch darüber veröffentlichte? Oder weil es peinlich wäre? Elias Canetti fragte im Jahre 1967, ob es nicht besser gewesen wäre, die Briefe Kafkas an Felice Bauer nicht zu veröffentlichen. So habe auch ich mich gefragt bei der Lektüre sowohl dieser Briefe als auch Ihrer Kafka-Biographie ob es nicht besser gewesen wäre, einige Szenen im Leben Kafkas zu übersehen. Ein Kafka-Liebhaber hätte gern solche Szenen aus der Welt. Dachten Sie auch so? (Ich vermute, dieses ist einer der Gründe dafür, dass Dr. Eschweiler sich so betroffen fühlte. Man möchte seinen Lieblingsdichter nicht in einer unwürdigen Situation sehen).

 

Stach: Ich sehe nicht den geringsten Grund dafür, irgend etwas in Kafkas Leben absichtsvoll zu übersehen. Die wirklichen Kafka-Liebhaber wollen wissen, wie es gewesen ist, sie wollen nicht irgend ein romantisches, unrealistisches Bild dieser Person pflegen. Kafka ist eine singuläre Gestalt, und schon das verpflichtet uns zu größter Wahrhaftigkeit. Weiterhin: Er zählt eindeutig zur Moderne, er ist sogar einer ihrer bedeutendsten Repräsentanten, und zur Moderne gehört nun einmal, dass der menschliche Körper in der zentralen Bedeutung wahrgenommen wird, die er für die menschliche Existenz tatsächlich besitzt, einschließlich der Sexualität. Aber auch mein Verständnis dessen, was eine heutige Biografie zu leisten hat, ist mit moralischen Auslassungen nicht zu vereinbaren, und ich würde wahrscheinlich, wenn ich über eine andere Person schreiben würde, nicht viel anders vorgehen.

Natürlich weiß ich, dass Kafka bei seinen Reisen mit Brod auch Bordelle aufgesucht hat, und nicht nur auf Reisen: In Prag hat er sich sogar in eine Prostituierte verliebt und hatte eine (natürlich unglückliche) Liaison mit ihr. Was ich darüber weiß, werde ich so getreu wie möglich berichten, wobei ich mir völlig darüber im klaren bin, dass ich damit auch den Voyeurismus der Leser bediene. Es ist unvermeidlich, dass eine Figur wie Kafka Neugierde auf Intimitäten auslöst, das tut jede Figur, die irgendwie herausragt, eine ganze Presse lebt ja davon. Der Biograf jedoch, der ein bestimmtes Erkenntnisinteresse hat, muss versuchen, seine Leser über diesen Punkt hinauszuführen. Er muss sagen: O.K., jetzt wisst ihr, dass auch Kafka sexuelle Erfahrungen gesammelt hat, was machen wir jetzt mit diesem Wissen? Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen diesen Erfahrungen und der manchmal erschreckenden Art und Weise, wie Erotik in seinem Werk thematisiert wurde? Und wie hat Kafka den Konflikt zwischen Ehe und Sexualität gelöst, hat er ihn anders gelöst als die Männer seiner Generation, anders als seine Freunde, anders als Nicht-Juden? Hängt vielleicht seine Vorliebe für eine asketische Lebensführung mit der Erfahrung „schmutziger“ Sexualität zusammen? Hatten seine Erfahrungen Einfluss auf sein Bild der Frau? Auch seine Freundschaft mit Brod ist von diesem Punkt aus neu zu beleuchten, denn Brod war hier völlig anders, er hielt von Askese überhaupt nichts und hat die Erotik buchstäblich vergöttert. Auch das hat dazu beigetragen, dass eine gewisse Fremdheit zwischen den beiden nie überwunden werden konnte, so dass Kafka schon 1915 schreiben konnte: „Niemand ist hier, der Verständnis für mich im Ganzen hat.“ Wie aber soll der Leser dies alles verstehen und erfühlen, wenn ich ihm verschweige, was tatsächlich vorgefallen ist?

Dass die Reise von 1910 in dem veröffentlichten Band noch nicht vorkommt, hat einen ganz einfachen, technischen Grund: Ich möchte natürlich die Reisen, die Kafka mit Brod unternommen hat, die gemeinsamen Reiseerfahrungen also, die ja im wesentlichen 1910 endeten (von einer kleinen Fahrt nach Weimar abgesehen), als einen großen Komplex behandeln und sie keinesfalls auf zwei Bände verteilen. Die Serie von Paris- und Italien-Reisen wird daher in dem Band über die frühen Jahre ausführlich besprochen werden, natürlich auch mit Bezug auf die Forschungsergebnisse von Binder.

 

Watfe: Bei meiner Frage dachte ich nicht an die Geschichte über Bordelle oder Prostituierte.

Leben und Werk. Es scheint, die Literatur verdankt ihre bedeutende Stellung im öffentlichen Leben nicht zuletzt dem erstaunlichen Interesse der Leser für das Leben der Dichter. Würde deren Lebensgang nicht so faszinieren, würden auch deren Werke nicht so viel gelesen.

Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel fasste nach einer Lesereise seine Eindrücke einmal so zusammen: „Die Leute interessieren sich nicht für Literatur. Sie interessieren sich für Schriftsteller“.

Beeindruckt Kafkas Leben die Leser noch mehr als sein Werk? Gerade lese ich Hartmut Binder`s Bildband: „Wo Kafka und seine Freunde zu Gast waren“. Es ist ein riesiges, teures Buch, in dem die Kaffeehäuser und Vergnügungsstätten in Prag vor hundert Jahren beschrieben werden. Ein weiteres Buch von Binder: „Prag. Literarische Spaziergänge durch die Goldene Stadt“. Und noch ein Bildband: „Kafka in Paris“. Von solchen Büchern lebt Binder gut.

Professor Ralf Nicolai schrieb mir, der Verlag muss sich von seinem Buch „Ende oder Anfang. Zur Einheit der Gegensätze in Kafkas Schloss“ trennen, „da nach 25 Jahren die Verkaufsziffern die Lagerkosten nicht mehr rechtfertigen“. In diesem Buch wird Nietzsche`s Einfluss auf Kafka untersucht.

Was übernahm Kafka von Nietzsche? Wo trank Kafka Kaffee? Natürlich kann man die Lage nicht so simpel beschreiben. Möchten Sie etwas darüber sagen?

(Ich auch möchte alles lesen, was über Kafkas Leben geschrieben wird, so wie ich alles über einen persönlichen Freund lesen möchte. Kafka ist ja ein Freund!).

(Diese Frage wurde nicht beantwortet. I.W.).

 

Watfe: Von der Urteil - Nacht, die Nacht von 22. auf 23. September 1912, lassen Sie Kafkas Leben ausgehen. Es war eine Schicksalsnacht, eine Nacht, in der sich Kafka zum ersten Mal als Dichter empfand.

Lange vor Ihnen, als ich im Jahre 1988 anfing, Kafkas „Gesamtwerk“ zu übersetzten, ging ich von dieser Nacht aus. Mein erstes Buch war „Das Urteil“ mit der Erzählung als „das erste Kafkaische Bild, aus dem alle Werke Kafkas entstanden sind und die den Grundstein im literarischen Bau Kafkas bildet“. Dazu ca. zweihundert Seiten über diese Erzählung und ihren Schöpfer.

Eine heikle Frage ist, inwieweit soll sich eine deklarierte Biographie auch als Werkinterpretation verstehen. Sehr informativ und überzeugend beschreiben Sie die Entstehungsgeschichte der Werke Das Urteil, Die Verwandlung und Der Prozess. Damit versteht man diese Werke besser. Ihr Werk enthält eine Überfülle an Informationen über Kafkas Leben, sehr viel Einzelheiten von seinem Alltag und die Hintergründe seiner Werke. Sehr richtig stellen Sie fest: „Die Überfülle verstellt den Blick, statt ihn zu öffnen, sie kann sogar, im unglücklichsten Fall, geisttötend wirken und jeden hermeneutischen Gedanken ersticken“ (S. 207). Und die Fülle der „Informationen... verfehlen völlig das eigentliche Rätsel, das diese Texte darbieten: dass sie... als ästhetische Gebilde ganz für sich stehen. Vor diesem Rätsel stand auch Kafka selbst“ (S. 207). Trotzdem vermute ich, dass mancher Leser fühlt, Sie neigen dazu, den autobiographischen Aspekt in Kafkas Werk hervorzuheben. Oder ist mein Gesamteindruck falsch?

 

Stach: Es kann nicht die Aufgabe einer Biografie sein, das Werk eines Schriftstellers auszudeuten. Sie sollte die Nahtstelle zwischen Werk und Leben so genau wie möglich untersuchen, also auch zum Beispiel bedenken, ob nicht das Werk ein bestimmtes Selbstbild enthält, das wiederum Auswirkungen auf das Leben hat — so dass die Fiktion des Autors gewissermaßen auf Umwegen Realität wird. Auch die Frage des Schaffensprozesses gehört zum Biografischen: Wo kommen die entscheidenden Impulse her; werden unangenehme Erfahrungen eher verdrängt oder verarbeitet; welche Absichten erkennt man in den nachträglichen Korrekturen, die der Schriftsteller anbringt; hat er Vorbilder, denen er bewusst folgt, usw.

Aber jedes Kunstwerk hat auch einen objektiven Gehalt, der dem Künstler sogar verborgen bleiben kann und der häufig erst viele Jahre später sichtbar wird. Im Fall Kafkas zum Beispiel ist wichtig, dass er als einer der ersten die Kälte des modernen Angestellten-Daseins geschildert hat. Und dass er als einer der ersten gesehen oder zumindest geahnt hat, dass hinter der scheinbar so gemütlichen Bürokratie Österreich-Ungarns eine ganz andere Form der Machtausübung heraufdämmert, die den Einzelnen zur bloßen Nummer degradiert und ihn schließlich auslöscht. Wohlgemerkt, dies bedeutet noch nicht, dass man Kafka soziologisch oder politisch interpretieren muss. Aber diese Momente sind eben von seinem Werk nicht abzulösen, das ist etwas, was wir wiedererkennen: Aber gehört es zur Arbeit des Biographen, genau zu untersuchen, was wir hier wiedererkennen? Würde ich mich darauf ernsthaft einlassen, dann bräuchte ich nicht drei, sondern sechs Bände, und jeder Kritiker würde sagen: eine Zumutung!

 

Watfe: Bei den Romanen schreiben Sie: „Der Prozess ist ebenso wenig ein autobiographischer Roman wie Der Verschollene“. Das ist sehr richtig. Aber dann  -  hier seien zwei lange Stellen zitiert  -  : „Kafkas Prozess ist Monstrum. Nichts ist hier normal, nichts ist einfach. Ob man sich mit der Entstehungsgeschichte, dem Manuskript, der Form, dem stofflichen Gehalt oder mit der Deutung des Romans beschäftigt: Der Befund bleibt stets derselbe: Finsternis, wohin man blickt“ (S. 537). Und: „Die Frage, wie der Autor die Bausteine letztendlich angeordnet und miteinander verfugt hätte, vermochte Brod nicht zu beantworten, und trotz hochgerüsteter Editionsphilologie ist es bis heute niemandem gelungen, eine rundum befriedigende Lösung zu liefern. Das Problem ist, mit diesem Manuskript, unlösbar. Und so bleibt uns nichts übrig, als ein von Kafka selbst verfasstes Inhaltsverzeichnis zu erhoffen, da eines Tages auf irgendeinem vergessenen Prager Dachboden entdeckt werden wird...“ (S. 539). Hier habe ich das einzige Problem mit Ihrem Werk.

 

Stach: Natürlich ist die Frage, wie Kafka die Kapitel des Process-Romans angeordnet hätte, wenn er den Roman vollendet und publiziert hätte, von einer gewissen, zumindest philologischen Bedeutung. Für den objektiven Gehalt des Romans ist sie eher nebensächlich, es ist ein typischer Philologen-Streit, den außer einer Handvoll Experten niemanden interessiert. Die Verfallslinie, die der Protagonist dieses Romans durchläuft, ist offensichtlich, und die Gründe dafür, warum er diesen Verfall nicht aufhalten kann, sind ebenfalls offensichtlich. Er ist schuldig, und er weiß es, und am Ende scheint ihm nur noch die Schwere der Strafe unverdient.

Angesichts der Form, in der der Roman überliefert ist — nämlich in Gestalt von einzelnen Heften, die je ein vollendetes oder unvollendetes Kapitel enthalten —, sind mehrere Varianten denkbar, wie Kafka die Logik dieses Untergangs im einzelnen hätte gestalten können. Wir können es nicht wissen, wie er das Problem letztendlich gelöst hätte, und alles, was ich je darüber gelesen habe, ist nur mehr oder weniger plausibel, aber nichts ist sicher. Es hat Philologen gegeben, die sich Jahrzehnte lang an dieser Frage festgebissen haben — und das, ohne das Manuskript je gesehen zu haben! Ich kann das, offen gestanden, nicht nachvollziehen.

 

Watfe: Kennen Sie Eschweilers Bücher über Kafka? Wie beurteilen Sie seine Interpretationen, besonders die des Prozesses? Was führen Sie an gegen seine These über die Kapitelfolge? (Ich empfinde keinen Gegensatz zwischen Ihrer Arbeit und Eschweilers Arbeit. Für mich sind beide Arbeiten große Leistungen, die einander ergänzen).

 

Stach: Zu Herrn Eschweiler möchte ich mich nicht äußern.

 

Watfe: Wie stehen Sie zu den anderen Kafka-Forschern, älteren und jüngeren? Und wie stehen sie zu Ihnen? In einen Interview sprechen Sie von “peer group“!

 

Stach: Da habe ich die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht, wobei die Tendenz die war, dass jüngere Literaturwissenschaftler viel offener waren, während einige ältere scheinbar das Gefühl hatten, ein Revier verteidigen zu müssen. Außerdem scheint das Gesetz zu gelten: Je spezialisierter jemand ist, desto unzugänglicher. Ich verstehe es, dass man die Arbeit und den Erfolg eines anderen beneidet, das ist nur menschlich und passiert selbstverständlich auch mir. Aber — jetzt muss ich leider etwas pathetisch werden — es ist doch eines Wissenschaftlers, der seine Sache ernst nimmt, unwürdig, diesem Neid so weit nachzugeben, dass er die Verständigung mit anderen Wissenschaftlern unterbindet oder gar deren Arbeit behindert. Ich kann nicht Kafkas Wahrhaftigkeit bewundern und gleichzeitig jeden anfeinden, der sie ebenfalls bewundert, das ist doch absurd und widerspricht vollkommen dem geistigen Habitus dieses Menschen. Eigenartigerweise gibt es dieses Revierdenken aber im Umfeld jedes großen Autors: Worüber sich Goethe-, Hölderlin- und Kafka-Spezialisten schon zerstritten haben, das kann außerhalb dieser Gruppen kein Mensch nachvollziehen. Wahrscheinlich hängt es mit dem Spezialistentum selbst zusammen, das intellektuell äußerst unergiebig ist und auf Dauer sogar charakterliche Deformationen hervorbringt.

 

Watfe: Noch zwei kleinere Fragen: A- Wie glaubwürdig ist Gustav Janouch? B- Sie glauben nicht, dass Kafka der Vater von Grete Blochs Sohn ist?

 

Stach: Die Unzuverlässigkeit von Janouchs Berichten über seine Gespräche mit Kafka ist längst erwiesen. Man kann bei etlichen Sätzen sogar nachweisen, wo er sie (leicht verändert) abgeschrieben hat. Er überliefert sicherlich auch authentische Äußerungen Kafkas, aber man kann eben niemals wissen, ob sie gehört oder erfunden sind, oder eine Mischung von beidem. Wenn man Janouch im persönlichen Gespräch mit diesen Ungereimtheiten konfrontierte, verwies er ironisch auf sein „schlechtes Gedächtnis“.

Die Legende von Kafkas Sohn hat Max Brod in die Welt gesetzt, und für mich ist sie der Beweis dafür, das Brod in seinen späteren Jahren bereits einen sehr großen psychischen Abstand zu Kafka gehabt haben muss. Können Sie sich vorstellen, dass ein derart skrupulöser Mensch wie Kafka erst mit Grete Bloch ein Kind zeugt und dann mit seiner Braut und Grete gemeinsam ein paar Tage Urlaub macht, ohne sich das Geringste anmerken zu lassen? Wer etwas derartiges für möglich hält, hat von Kafkas psychischer Verfassung überhaupt nichts begriffen. Ich glaube, über diese Angelegenheit habe ich in der Biografie das Nötige gesagt.

 

Watfe: Ich hatte Ihnen ein Exemplar vom Prozess auf Arabisch geschickt mit den Anlagen (auf Deutsch): Erster und letzter Umschlag, Inhaltsverzeichnis und „Ein Gespräch“ mit Eschweiler. Was sagen Sie zu diesem Gespräch?

 

Stach: Dieses Gespräch wäre besser ungedruckt geblieben.

 

Watfe: Eine hypothetische Frage: Gesetzt den Fall, Kafka würde in unserer Zeit noch einmal leben, Ihr Buch lesen und es kommentieren sollen. Was würde er schreiben? Erstens: Über Ihr Buch, zweitens: Über sein früheres Leben, wie Sie es beschrieben haben (sollten Sie diese Frage beantworten, würde auch ich dies tun ... für Sie und für meine Leser).

 

Stach: Sehr schwer, das zu beantworten. Kafka wäre wahrscheinlich entsetzt darüber, dass sein privates Leben überhaupt zum Gegenstand öffentlicher Erörterung wird. Ich glaube, er war naiv in diesem Punkt: Er selbst las doch private Briefe Flauberts oder Dostojewskis, er las mit Vorliebe auch Tagebücher, aber auf den Gedanken, dass seine eigenen Lebenszeugnisse einmal gedruckt würden, ist er niemals verfallen. Er hielt sich selbst nicht für bedeutend genug, und in gewissem Maße ist das sogar begreiflich, denn er hat so viele Werke unvollendet liegen lassen müssen, dass er sich als Gescheiterter fühlte.

Kafka hatte einen ausgesprochenen Sinn für persönliche Würde, und er war äußerst empfindlich gegen Herabsetzung oder Missachtung. Ich glaube und ich hoffe, dass er - sobald er den ersten Schrecken über meine Biografie überwunden hätte - doch wenigstens zugeben müsste, dass sie nicht voyeuristisch ist, dass sie ihn auch in seinen Schwächen achtet, dass sie ihn zu erklären versucht, aber nicht wirklich antastet oder gar „aburteilt“, was für ihn immer das Schlimmste war. Und er würde still in sich hineinlächeln - darüber nämlich, was der Biograf alles nicht weiß.

 

Watfe: Kafka würde sagen: „Kein Mensch auf der Welt wurde so missverstanden wie Kafka“.

 

2003

3 - Bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen

 

Ibrahim Watfe:

Wann, wie und warum kamen Sie auf Kafka?

 

Prof. Klaus Jeziorkowski:

Dem Werk Franz Kafkas begegnete ich vor über einem halben Jahrhundert als Gymnasiast bei einem guten Deutschlehrer, später natürlich dann wiederum als Germanistikstudent und schließlich als lehrender und forschender Literaturwissenschaftler. Ich lernte bei vielen Aufenthalten Prag kennen und gewann dort sehr nahe Freunde: Ich habe an der Universität mehrfach Seminare über Kafka gehalten, wollte aber nie das sein, was man einen Kafka-Spezialisten nennt, denn diese Zunft irritiert mich bis heute mit ihrem Zelebrieren von Geheimwissen und der Tatsache, dass sie die unfassbaren Texte Kafkas einmauert in einer immer undurchdringlicher werdenden Festung von Sekundärliteratur, deren Gestus weithin sehr viel weniger bescheiden ist als der der Werke und Zeugnisse Kafkas.

 

Watfe: Der erste Satz Ihres Aufsatzes „Das Bett“ lautet: „Rekapituliere meine Kafka-Lektüre, die Erfahrungen mit Kafka-Texten seit Jahrzehnten …“. Wie sind Ihre Lese-Erfahrungen bei seinen Texten? Wo liegen, Ihrer Meinung nach, die Gründe für die Faszination Kafkas?

 

Jeziorkowski: Meine Erfahrung mit Kafka-Texten ist die einer immer neu sich einstellenden Verwunderung und Verunsicherung, die erst später an einzelnen Stellen in Faszination übergehen. Von solchen Stellen aus lohnt sich dann das Weiterforschen. Freilich wird man nie genau sagen können, warum man diese Partien bewundert; sie entziehen sich beim Nachdenken – das haben sie mit religiösen Texten gemeinsam. Produktiv ist es als Lehrender diese Verwunderung mit den Studenten zu teilen und ihnen nicht ein – sowieso höchst labiles – Kafka-Wissen vorzusetzen. Kafka ist immer neue Lektüre – und er ist neu mit jeder Lektüre. Man ist seinen Texten gegenüber ungesichert. Sie revidieren jede Art von Hermeneutik, deren man sicher zu sein glaubt. Spezialisiert habe ich mich im Laufe meines wissenschaftlichen Weges eher bei anderen Autoren: Gottfried Keller, Heinrich Böll, Heinrich von Kleist. Ich wiederhole: ich bin kein Kafka-Spezialist, war keiner und möchte keiner sein. Das wird dann deutlich, dass ich nicht als drei Aufsätze zu Kafkas Werk geschrieben habe – die ergaben sich immer dann, wenn die Verwunderung zu groß wurde, als dass ich sie schweigend hätte ertragen können.

 

Watfe: Ich kenne zwei Aufsätze von Ihnen über Kafka:

- „Das Bett“. Dieser Aufsatz hat mir sehr gut gefallen und passte in meinem Projekt, ich  nahm ihn als Studie als Studie Nr. 16. Für mich war die Bett-Perspektive ganz neu und sehr einleuchtend.

- „Bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen …“ Schon der Titel schreckt etwas. Der Aufsatz  handelt vom Lebens- und Schreibprozess. Das Thema ist in meinem Band durch   Emrich und Kremer vertreten (Studie 14 und 17). Möchten Sie meine Auswahl kommentieren?

 

Jeziorkowski: Es steht mir nicht zu, Ihre Auswahl zu kommentieren. Es gibt von mir noch einen dritten Aufsatz zu Kafka (Der Hund. In: K. J.: Der Text und seine Rückseite. Bielefeld 1995. S. 53-69). Ob es sich lohnt, diesen Aufsatz zu kennen oder erneut auf ihn hinzuweisen überlasse ich erleichtert Ihrer Entscheidung.

 

Watfe: Eine Sendung von mir an Sie enthielt:

- Zwei Kafka-Bände (arabisch).

- (deutsch) Die Umschläge und Inhaltsverzeichnisse beider Bände + Die Gespräche mit Herrn Eschweiler und Herrn Stach + Der Prozess in neuer Kapitelfolge.

Gern würde ich wissen, was man gegen diese Kapitelfolge einwenden kann. Möchten Sie, was auf Deutsch ist, kommentieren?

 

Jeziorkowski: Zu Christian Eschweiler: So geistvoll seine Thesen zu Kafka und zum Prozess sind, so problematisch erscheinen sie mir auch. Denn seine Kapitel-Anordnung und seine Interpretationen gehen immer darauf aus, „Sinn“ und Evidenz und eine Art von fast systematischer Folgerichtigkeit in Kafkas Texten zu konstatieren, mit einer Art katholisch-existentieller Quasi-Theologie im Hintergrund, was bei seiner jesuitischen Herkunft nahe liegt, aber in meinen Augen Kafka damit eben zu „sinnvoll“ und beinahe auch zu „christlich“ macht („Bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen …“). Der Grandiose Nicht-Sinn oder Anders-Sinn der Kafkaschen Texte wird damit vermindert, und Kafka wird in seiner künstlerischen Leistung verkleinert, so glaube ich. Herrn Eschweilers Lebensleistung und seine Verdienste um Kafka sind groß, und seine Arbeit verdient allen Respekt und weite Anerkennung, aber ich kann seinen Grundprinzipien  nicht zustimmen. Bei ihm wird Kafka zu stimmig, wo doch seine unglaubliche Modernität gerade in der Nichtstimmigkeit liegt und darin, dass er fast bei jeder neuen Lektüre anders zu lesen ist.

Ihre aufgeschriebenen Gespräche mit Herrn Eschweiler und Herrn Stach gefallen mir sehr. Beide Gespräche machen deutlich, dass gegenüber Kafka verschiedene begründete Perspektiven und Ansätze möglich sind, und deshalb ist es mir nicht verständlich, dass Herr Eschweiler in der Gefahr steht, seine Sicht auf Kafka für die richtigere oder für die einzig richtige zu halten. Die Polyphonie der gleichberechtigten Stimmen macht die Kafka-Forschung so interessant. Sie ist Zeichen der Größe seines Werks.

Ja, Ihr arabischer Kafka ist wirklich schön, für mich leider nur als ästhetischer Augeneindruck, da ich die Zeichen, ihren Zusammenhang und ihre Bedeutung nicht entschlüsseln kann. Wunderbar und gut erscheint es mir, dass Sie die Kulturen miteinander ins Gespräch bringen, die nach Ansicht vieler Menschen heute nur noch in Gewalt und Krieg sich gegenüber stehen. Das Gegenteil machen Sie evident. Wie viel Weises und Schönes hat uns die arabische Kultur geschenkt, auch die antiken Klassiker Griechenlands hat sie uns überliefert, Goethe hat uns an die Kunst des Orients herangeführt – und wie gut, dass Sie ihr Kafka schenken. Unübertroffen ist die Wahrheit der Lessingschen Ringparabel.

2005

4 - Einleuchtende Kapitelfolge

 

 

Ibrahim Watfe:

Was hat Sie an Kafka so fasziniert? Wann, wie und weshalb kamen Sie auf / zu Kafka?

 

Dr. Hans Paul Fiechter:

Als ich die kurzen Prosatexte des Bändchens Betrachtung von Franz Kafka kennenlernte, war ich sechzehn Jahre alt. Die Begegnung mit dieser kraftvollen und klaren Sprache wurde mir, dem Vielleser, zur ersten Initiation in die Kunstgeheimnisse der modernen deutschen Prosa. Sechzehn Jahre später versuchte ich in meiner Dissertation, strukturelle Gesetzmäßigkeiten der inneren Welt, die sich in Kafkas literarischem Werk entfaltet, zu erhellen. Dabei wurde mir derjenige, der in dieser Sprache und hinter dieser Welt tätig war, immer mehr zum Rätsel. Wiederum sechzehn Jahre später entwarf ich die Gliederung dieses Buches.

 

Watfe: Für meine Leser: Hier ist das Inhaltsverzeichnis Ihres Buches:

Vorwort

Aufstieg oder Irrsinn – Kafka und das zwanzigste Jahrhundert

      Aufgabe – einer muss wachen

      Schatten – Wirkung und Persönlichkeit

      Spiegel –Wirkung des Werks

Stufen – Biographische Zeitgliederung

     Grundsätzliches zu Kafkas Biographie

     Der Siebenjahresrhythmus in Kafkas Biographie

     Die drei großen Romanfragmente

     als Ausdruck seelischer Entwicklungsstufen 

Schichten – Die vertikale Biographie

    Beobachter – Die Oberfläche der Welt

    Angeklagter – Dunkle Bindung an Prag

    Außenseiter – Ägyptische Spuren

    Jäger – Reflexe eiszeitlicher Magie

Grenzen – Judentum, Psychoanalyse, Anthroposophie

Ungelebtes Leben – Die negative Biographie

    Fragmente – Das Schreiben und das Geschriebene

    Streiflichter – Die Sprache der Träume

    Schwelle – Ich bin Ende oder Anfang

 

Watfe: Seit hundert Jahren wird Kafkas Werk immer mehr gelesen, unabhängig vom Kulturkreis. Wo liegen die Gründe, Ihres Erachtens, für die Faszination Kafkas? Für die Forscher und für die Leser.

 

Fiechter: In zwei ganz unterschiedlichen Bereichen: in der  B i l d e r w e l t  und im  S p r a c h g e s t u s . Dieser ist rätselhafter Ausdruck der selbst verborgen bleibenden Individualität. Kafkas Prosa ist für seine Kollegen Franz Werfel, Robert Musil, Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Rainer Maria Rilke, Peter Handke und für viele andere die beste deutsche Prosa ihrer Zeit (vgl. mein Buch S. 25 und 34).

Diese Sprache wirkt unmittelbar auf den einzelnen Leser, bringt aber auch Bilder hervor, die im kollektiven Bewusstsein wirksam werden. Von ihnen geht die Faszination aus.

Aufzeichnungen Kafkas bezeugen, dass ihm beides deutlich bewusst war: die Vollkommenheit seiner Sprache und das Repräsentative seiner Bilder.

Der Realismus des Kindes ist die gestaltende Kraft in Kafkas Werk. Dabei wird der Leser unmerklich aus der sinnlichen Welt in eine außersinnliche befördert. Die sinnliche Welt selbst erscheint dem kindlichen Blick so, dass ihre Elemente rätselhaft werden, staunenerregend, dass ihr Zusammenhang nicht von vornherein durch gewohnheitsmäßige Gedankenverbindungen gewährleistet ist.

Der Theologe deutet Kafkas Rätselbilder metaphysisch, der Psychoanalytiker sexuell. Jeder, der vor dem Bild steht, beschreibt ein anderes Bild: sein eigenes. Zu einer Art Jedermann ist dieser Dichter, zu einem Spiegel des modernen Menschen ist sein Werk geworden. Kafkas Werke sind jedoch nicht nur Spiegel für den einzelnen, sondern auch Spiegel des Zeitbewusstseins. Die drei Romane bilden in ihrem tieferen Zusammenhang eine soziale Menschheits-Trilogie.

 

Watfe: Eine Frage, die kein Thema in Ihrem Buch ist, aber höchst wichtig für meine Arbeit, betrifft die Kapitelfolge im Prozess. Dieser Roman liegt vor seit dem Jahr 1925 in zehn „vollständigen“  Kapiteln und sechs unvollständigen als Anhang (in einer im Jahre 1969 erschienen arabischen Übersetzung ohne „Anhang“).

In der Faksimile - Gesamtausgabe sind, wie Sie schreiben (S. 176),   „die Kapitel des fragmentarischen Prozess - Romans, deren richtige Reihenfolge umstritten ist, in Einzelheften gedruckt, wie sie sich im Nachlass fanden, so dass jeder Leser sich selbst seinen Roman zusammenstellen kann“. Kann, soll man das dem durchschnittlichen Leser zumuten? Sollte es nicht eher eine Aufgabe für die Kafka - Forscher sein? Bei meiner Übersetzung entschied ich mich für Eschweilers Kapitelfolge, die ich überzeugender fand (neunzehn Kapitel).  Alle anderen Kapitelfolge-Thesen sind in meinem Buch ausführlich und genau beschrieben. Somit hat der arabische Leser alle Thesen in einem Band. Herr Dr. Fiechter, möchten Sie Ihre Gedanken über die Kapitelfolge des Romans Der Prozess äußern?

 

Fiechter: Zu Ihrer Frage kann ich mich gerne äußern. Ich habe Herrn Eschweiler vor zwei Jahren geschrieben, dass mir die von ihm gefundene Reihenfolge der Prozess-Kapitel sehr einleuchtet – mit einer kleinen Ausnahme, das „Staatsanwalt“-Kapitel betreffend; diese Änderung hat er sich seither zu eigen gemacht, und Sie berücksichtigen sie auch in Ihrer Übersetzung. Sie ist ja durchaus im Sinne seiner Gliederung, ich wäre ohne seine Gesichtspunkte gar nicht darauf gekommen. In der Publikationsfrage stimme ich mit Ihnen überein. Es kann nicht jeder Leser die Arbeit des Spezialisten übernehmen, es muss also i n  e r s t e r  L i n i e  eine nach bester Einsicht geordnete Leseausgabe geben, darin liegt ja die soziale Bedeutung der Arbeit des Spezialisten. Dass es  z u s ä t z l i c h  die Möglichkeit eines Einblicks in die Werkstatt gibt (vgl. die von Ihnen zitierte Stelle aus meinem Buch, S. 176), halte ich allerdings für einen großen Gewinn für bestimmte Leser, die sich intensiver mit Kafkas Werk beschäftigen wollen und so nicht von der – wie wir wissen oft fragwürdigen – Autorität der Fachleute abhängig sind. Ideal wäre m. E. für die zuletzt genannten Leser, der Faksimile-Ausgabe die verschiedenen postulierten Reihenfolgen mit knapper Begründung als Beilage hinzuzufügen – aber das scheitert natürlich an der Befangenheit der Verantwortlichen, die selbst eine Meinung haben und diese verbreiten wollen.

Das größte Verdienst Eschweilers ist es in meinen Augen, dass er das „Dom“-Kapitel in die Mitte des Romans setzt und nicht vor das Schluss-Kapitel. Die Verhaftung im Frühling und die Hinrichtung im Frühjahr darauf, also erstes und letztes Kapitel, sind in ihrer Stellung unbestreitbar .Das „Dom“-Kapitel, welches das Gespräch mit dem Geistlichen enthält und wohl als Höhepunkt des Romans gesehen werden kann, steht in den bisherigen Ausgaben unmittelbar vor dem Ende, was die Vergeblichkeit  a l l e r  Bemühungen Josef K.s akzentuiert: der gute Rat des Geistlichen kommt zu spät. Warum aber sollte dieser ihm raten, sich nicht auf fremde Hilfe zu verlassen,  n a c h d e m  er gerade den Advokaten entlassen und den Prozess in die eigenen Hände genommen hat? Und warum sollte im Laufe eines einziges Jahres vor dem Herbst („Dom“-Kapitel) der Winter kommen? Auch dass das Titorelli-Kapitel nach dem Dom-Kapitel einzuordnen ist, hat Eschweiler am Text Kafkas selbst überzeugend gezeigt. Wie der Herbst in der Mitte zwischen Frühling und Frühling, steht in seiner Gliederung die Bewusstseins-Wende des Dom-Kapitels (mittags) in der Mitte zwischen Verhaftung (morgens) und Hinrichtung (abends). Vorher projiziert K. Schuld und Hoffnung auf andere, nachher nimmt er seinen Prozess selbst in die Hand. Dass er damit letztlich scheitert, ist eine andere Frage. Durch Eschweilers Kapitelfolge tritt diese innere Gestalt erst hervor, und einige Widersprüche lösen sich auf. Dabei ist naturgemäß im zweiten Teil des Romans viel mehr fragmentarisch geblieben als im ersten.

Dass „Ein Traum“ in den „Prozess“-Zusammenhang gehört, war mir nie fraglich (vgl. mein Buch S. 38 Mitte).Die Aufnahme in den Textzusammenhang scheint mir angesichts der vielen Fragmente sinnvoll, die Platzierung kurz vor dem Ende einleuchtend.

Eschweilers Gliederung ist also für mich die beste, die bisher vorliegt, und es freut mich, dass Sie den arabischen Lesern den Roman in dieser Gestalt präsentieren.

 

Watfe: Eine Leseausgabe mit der neuen Kapitelfolge, die Faksimile-Ausgabe für die Fachleute, das ist m.E. der beste Vorschlag.

Dem arabischen Leser möchte ich Ihr Wort „einleuchtend“ so, nach Duden, erklären: „verständlich, plausibel und überzeugend“. Sind Sie mit dieser Erklärung einverstanden?

 

Fiechter: Ja.

 

Watfe: Der Prozess mit der neuen Kapitelfolge liegt seit dem Jahr 2002 vor, zum ersten Mal in der Welt im Arabischen, jetzt in dritter Auflage. Zum zweiten Mal liegt der Roman im Deutschen seit dem Jahr 2005 vor. In einem kleinen Verlag mit einer kleinen Auflage.

Glauben Sie, dass diese neue Kapitelfolge sich durchsetzen wird?

 

Fiechter: Das werden wir abwarten müssen.

 

Watfe: Sie schreiben: „Alles, was Kafka schreibt, ist grundsätzlich autobiographisch und wird für andere dadurch interessant, dass er sich selbst und seine äußeren Wahrnehmungen und inneren Erlebnisse so sachlich, als ein Stück Welt, in der dritten Person, betrachten kann“. Weiter schreiben Sie vom „Strom des Schreibens als kontinuierliche Manifestation der Biographie“. „Das Schreiben selbst ist das in sich zusammenhängende Ganze des Lebens – dieses Lebens -; die literarischen Werke sind Proben daraus“. „Der Kern der Aufgabe ist Selbsterkenntnis, schreibend sich selbst auf den Grund zu kommen“.

Diese Ihre Ausführungen auf den Seiten 177 - 181 überzeugen mich, auch da ich in den letzten Jahren, mehr als früher, zu dieser Interpretationsrichtung neige.

In Ihrem Buch, erschienen im Jahre 1999, schreiben Sie: „Warum versuchen wir immer wieder, die Kunst durch die Alltagswirklichkeit zu verstehen, statt diese durch die Kunst? Freud durch Das Urteil (ohne den Schluss der Geschichte) zu verstehen ist interessant, DasUrteil durch Freud zu interpretieren jedoch banal. Dem Dichter war schon beim Schreiben die Beziehung seiner Geschichte zur Psychoanalyse bewusst, und diese Geschichte kann vielleicht wesentlich mehr zum Verständnis der Freudschen Psychoanalyse beitragen als umgekehrt. Die Fähigkeit dieses Dichters, seismographisch atmosphärische Spannungen in der seelischen Welt zu registrieren, ist schon Thomas Mann aufgefallen“ (S. 159). Weiter schreiben Sie: „… dass die Kunst erhellend für die tieferen Lebensverhältnisse sein kann. (so werden wir auch nicht Josef K. durch Franz Kafkas Biographie, wohl aber diesen durch die literarische Gestalt besser verstehen können.)“ (S. 163).

Auf diese Ihre Idee baut Prof. Peter-André Alt, so scheint es mir, seine ganze Kafka-Biographie (erschienen im Jahre 2005). In dieser Biographie wird Kafkas Leben nicht als Quelle, sondern als Spiegel der literarischen Projekte gedeutet.

Habe ich das richtig verstanden? Ist das eine neue Interpretation von Kafkas Werk? Gibt es Ähnliches in der Literatur? Goethe zum Beispiel?

 

Fiechter: Ja, da gibt es Goethes berühmte Äusserung, seine Gedichte seien „Bruchstücke einer grossen Confession“. Und Robert Walser beispielsweise hat seinen Tod, der kein Selbstmord war, literarisch dargestellt, bevor er ihn starb. Solche prophetischen Bilder sind in der Literatur häufiger zu finden, wenn man nur darauf achtet. Ich denke jedoch, dass wir mit einer dualistischen Auffassung des Zusammenhangs zwischen Leben und Werk, mit dem Versuch, das eine durch das andere zu erklären, nicht zu wirklich befriedigenden Ergebnissen kommen können. Erst wenn wir beides als Manifestation derselben Individualität begreifen, beide auf eine einheitliche, uns verborgene Quelle beziehen, kommen wir weiter. Dabei ist uns die Schrift der Seele, das Werk, leichter lesbar als die Schrift des Leibes, das Leben. Im Werk tritt das, was im Leben auf stärkere Widerstände trifft, nur deutlicher in Erscheinung. Deshalb erfahren wir durch das Werk mehr über das Leben als umgekehrt; so war meine Äusserung gemeint.

 

Watfe: Einen mir neuen Schlüssel zu Kafkas Werk haben Sie, nach meinem Ermessen und Gefühl, schon gefunden: „Kafkas Kindlichkeit scheint mir ein wichtiger biographischer Schlüssel zum Verständnis seines Werks zu sein.“ „Kafkas Schreiben zeigt Zauber und Schrecken der Gegenwartswelt in Kinderaugen.“ Ihr „Eindruck, dass es das Kind in ihm ist, das schreibt.“ Kafka schreibt, was das Kind in ihm „wahrnimmt und erlebt.“ Daher auch die komplexe Beziehung Kafkas zur Sexualität.

Dieser Schlüssel ist eine große Hilfe für mich bei meiner jetzigen Arbeit: die Übersetzung des Romans „Der Verschollene“. In den Studien darüber nehme ich gerne die Seiten 46 - 50 Ihres Buches unter dem Titel „Kafkas Kindlichkeit“ auf.

Dazu nehme ich auch die Seiten 33 - 40 unter dem Titel „Die drei sozialen Ideale der modernen Menschheit“ auf.

 

Watfe: Sie auch finden die Auseinandersetzung mit dem Vater als „zentrales Motiv“ in Kafkas Leben und Schreiben. Über „Das Urteil“ schreiben Sie: „Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Beziehung zum Vater, ja diese bildet ihren ganzen Inhalt: ein Sohn will seinen Vater begraben (zudecken); dieser richtet sich aber auf – und richtet den Sohn. Das Vaterproblem hatte eine zentrale Bedeutung nicht nur als privates existentielles Problem Kafkas, sondern als Problem der Epoche“ (S.159).

So hatte ich es verstanden und übertrug es auf die jetzige Epoche in einem anderen Kulturkreis. Wie es in Europa vor hundert Jahren war, ist es, in noch verstärkter Form, in den heutigen arabischen Gesellschaften der Fall. 

Äußerlich, formell gehörte Kafka einer kleinen Gruppe, er schrieb aber für „die Menschheit.“ Kafka ist „Repräsentant der modernen Menschheit“, seine Werke sind „Menschheitsliteratur“ (S. 166). Ich bitte um einige Stichworte zu diesem großen Thema.

 

Fiechter: Der Vater ist der Garant für den weisheitsvollen Zusammenhang der Welt, in die der Sohn hineingeboren ist. Ihm gegenüber erlebt der Sohn sich als Geschöpf. Wenn er selbst Schöpfer werden will, wird ihm der Vater zum Problem, denn dessen Schöpfung ist abgeschlossen, vollkommen, lässt keinen Raum für sein eigenes Schaffen. Im Sohn liegt aber die Hoffnung auf Entwicklung. Was geschieht, wenn seine neuen Impulse auf die alten Gegebenheiten treffen? Das ist die große Frage in Zeiten des Umschwungs wie unserer Gegenwart. So verstehe ich das Vaterproblem als Problem der Epoche.

 

Watfe: Als ich Ihr Buch zum ersten Mal sah, sprang schon der Titel „Das Rätsel Kafka / Erkundungen im ´Schacht von Babel`“ stark ins Auge. Im ersten Augenblick dachte ich, „das ist aber ein Kafka-Titel! Ich werde in den Schacht hinuntergehen und einige Rätsellösungen finden.“ Gleich auf der ersten Seite aber schreiben Sie, dass Sie das Rätsel nicht lösen, sondern es nur darstellen wollen, „diesen Jahrhundertdichter“ nicht „für eine weitere Weltanschauung“ vereinnahmen, sondern ihn aus „anthroposophischer“ Sicht darstellen. Für meine Leser: Anthroposophie ist eine Lehre, nach der der Mensch höhere seelische Fähigkeiten entwickeln und dadurch übersinnliche Erkenntnisse erlangen kann.

Glaubte Kafka etwa an Wiedergeburt? Sie schreiben: „Er sprach aber mehr als sonst davon, dass er im nächsten Leben Zeit genug habe, diese Dinge zu erfahren“ (S. 167). Und: „… in mehreren früheren Erdenleben“ (S. 168).

Wird Kafka ein Rätsel bleiben? Wie viel von Kafka bleibt ein Rätsel? Wie lange noch?

Es scheint mir, dass noch eine große Aufgabe vor den Kafka-Forschern liegt, nämlich  Das Schloss zu „entziffern.“ Werden Sie Ihre Arbeit fortsetzen?

 

Fiechter: Schnelle Rätsellösungen bergen oft die Gefahr, etwas anderes, schon Bekanntes, an die Stelle dessen zu setzen, was man nicht gleich versteht. Da kommt man dem Rätsel unter Umständen näher, wenn man es aushält, eine Weile mit den Fragen, die sich bilden, zu leben. In dieser Hinsicht erscheint mir die vorsichtige Haltung Deutungen gegenüber, die in der Kafkaforschung der letzten Jahrzehnte vorherrscht, als Tugend. Wenn allerdings der Deutungsverzicht zum Dogma erhoben wird, wenn postuliert wird, man dürfe Kafka nur beschreiben und nicht versuchen, ihn auch zu verstehen, setzt man sich und anderen willkürlich Erkenntnisgrenzen – und das halte ich für unwissenschaftlich. Für wichtig halte ich nur, sich bei jedem Schritt selbst Rechenschaft zu geben, auf welchem Grund man steht, indem man versteht. Für mich ist das Rätsel Kafka nicht gelöst – aber ich habe einen grossen Gewinn davon, es zu erleben. Können wir nicht jeden Menschen als Rätsel erleben, und sind wir ihm dann nicht näher, als wenn wir meinen, ihn verstanden zu haben, ihn aber in Wirklichkeit nur pauschal einem Typus zuordnen? 

Zur Frage der Wiederverkörperung: Ich kenne keine zuverlässig überlieferte Äusserung Kafkas, die belegen würde, dass er von der Wiederverkörperung überzeugt war wie im 18./19. Jahrhundert z. B. Lessing, Goethe, Hebbel, C.F. Meyer und andere. Dagegen lässt sich belegen, dass er sie für möglich hielt (vgl. z.B. Motto-Zitat S. 198: „Gibt es eine Seelenwanderung, …“). Die von Ihnen angeführten Zitate sind nicht Äusserungen von Kafka! Das erste (S. 167) ist eine von Hugo Bergmann überlieferte Äusserung Martin Bubers, das zweite (S. 168) eine im Anschluss an ein Zitat referierte Äusserung Rudolf Steiners.

Über „Das Schloss“ ist ja auch schon viel geschrieben worden. Für mich selbst tritt vieles deutlicher hervor, wenn man den Roman zusammen mit dem Amerika-Roman ins Auge fasst, der ihm polar entgegengesetzt ist. Dagmar Fischer hat in ihren umfangreichen Studien eine Fülle von verblüffenden Übereinstimmungen zwischen der Bilderwelt der beiden Romane und den Symbolbilden okkulter Traditionen zusammengetragen (vgl. S. 215, Anm. 28-32). Sie hat wirklich versucht, den Schloss-Roman Bild für Bild zu „entziffern“. Ich selbst halte den Roman auch für das Ergebnis eines Versuchs, eine gescheiterte Mysterien-Initiation in einer früheren Inkarnation seelisch zu verarbeiten – dafür gibt es viele ausserordentlich deutliche Symptome -, möchte aber nicht mehr dazu schreiben, als was in dem Kapitel „Aussenseiter – Ägyptische Spuren“ angedeutet ist. Für mich liegt die Bedeutung des Romans viel stärker in seiner gegenwärtigen  k ü n s t l e r i s c h e n  Gestalt und deren Wirkung in die Zukunft hinein, als in seinen unbewusst aus der Vergangenheit heraus gebildeten Entstehungsbedingungen. Mir ging es weniger darum, diese zu erklären, als ein Erleben der wirkenden Individualität zu ermöglichen. So ist die Aussage gemeint, ich wolle das Rätsel nicht lösen, sondern darstellen.     

 

Watfe: Sie schreiben von der „- oft fragwürdigen - Autorität der Fachleute“. Was bekam Ihr Buch davon zu spüren? 

 

Fiechter: Nichts. Es ist ja ein glücklicher Vagabund im Gebiet der Literatur über Kafka, von keinen Autoritäten in irgendeiner Weise abhängig. Es ist von vorneherein nicht als Beitrag zur Diskussion unter Fachleuten konzipiert, wie meine Dissertation. Es richtet sich vielmehr an einzelne Leser, die sich für Kafka interessieren und ihn lieben und die das gängige Bild dieses Künstlers nicht befriedigt. Und in dieser Hinsicht bin ich angesichts der Intensität  seiner bisherigen Wirkung froh, dass ich es geschrieben habe. 

 

2008

Kafka bleibt ein Klassiker 

 

 

Ibrahim Watfe:

Sicherlich haben Sie als junger Mann Kafka entdeckt. Was war das für ein Moment, wie sind Sie auf ihn gestoßen, was war die Initialzündung?

 

Prof. Peter-André Alt: Entdeckt habe ich Kafka als Vierzehnjähriger, weil ein Werbetext auf ihn verwies und ihn als Autor pries, der nichts für Heranwachsende sei. So schrieb man noch in den frühen 70er Jahren über Kafka! Ich fand diese Warnung sehr verlockend - und las "Das Urteil", das ich im Regal meines Vaters fand.

 

Watfe: Wie sind Ihre Leseerfahrungen bei der Lektüre von Kafkas Texten? Wie kamen Sie dann von der Begeisterung zur Forschung?

 

Alt: Fasziniert haben mich zuerst die Erzählungen, dann sehr die Tagebücher, erst später wagte ich mich an die Romane. Ich las Kafka sehr vorsichtig, ganz langsam, tastend. In der Schule hielt ich dann ein Referat über ihn, da kam erstmals ein Blick auf das Leben Kafkas für mich dazu. Forschung über Kafka habe ich im Studium gemieden, dann aber doch mich im Examen über ihn prüfen lassen, erst nach der Promotion dann begonnen, über ihn zu arbeiten. Zunächst über seine Sprachskepsis, dann über das Motiv der Melancholie.

 

Watfe: Wie ging es weiter… in Forschung und Lehre? Wie lange haben Sie an Ihrem Buch „Kafka / Der ewige Sohn“ gearbeitet?

 

Alt: Die Biographie habe ich gewagt, weil ich während meines Schiller-Projekts merkte, dass ich Biographien schreiben  kann. Arbeitszeit dann: fünf Jahre, aber viel Vorlauf durch langjährige Forschung und extrem viel Kafka-Lehre als Professor in Berlin, Bochum, Würzburg.

 

Watfe: Man konnte Sie für eine sehr hohe Führungsposition gewinnen. Sie sind seit 2010 Präsident der Freien Universität Berlin, genau seit 3.6.2010 (Kafkas Todestag). Lesen Sie noch mal etwas von Kafka oder über ihn?

 

Alt: Ja, und ich schreibe auch über ihn, wenn es die Zeit erlaubt. Zuletzt über den Begriff des Bösen bei Kafka (*).

 

Watfe: Kafka wird gelesen. Ich bekomme täglich über Google-Alerts Artikel über ihn. Sein Werk wird in anderen Künsten oft adoptiert. Es wird an vielen Schulen gelehrt. Wo liegen die Gründe für die Faszination Kafka?

 

Alt: Er ist unerschöpflich, er lässt sich nicht endgültig deuten. Und: er erzählt Geschichten von einzigartiger Schönheit und Traurigkeit.

 

Watfe: Elias Canetti nennt Kafka „Experte der Macht“. Haben Sie einige Stichwörter für die Bestätigung dieser These im „Schloss“-Roman? 

 

Alt: Macht ist bei Kafka die Übersetzung politischer in seelische Verhältnisse. Dazu steht das, was ich zu sagen weiß, in meinem "Schloss"-Kapitel.

 

Watfe: Zur Zeit wird Kafka weltweit gelesen. Die bekanntesten Schriftsteller der Welt lasen ihn. Denken Sie, dass Kafka lange Zeit im Deutschen gelesen wird? Wie lange? So lange wie Goethe? Oder Shakespeare? Oder vielleicht Dante? Oder gar so lange wie die Griechen? Und warum?

 

Alt: Wer wie Kafka seit Jahrzehnten weltweit gelesen wird, der bleibt ein 'Klassiker', so lange Literatur in unserem Leben eine Rolle spielt.

 

Watfe: Wie wichtig überhaupt ist die Kapitelfolge in dem Roman „Der Prozess“? Darf  jemand, z.B. ein Literaturwissenschaftler und Kafka-Liebhaber, prinzipiell versuchen, die Kapitelfolge neu zu ordnen? Oder sollte man das nicht tun?

 

Alt: Man darf Hypothesen anstellen, natürlich. Eschweiler hat mich nie überzeugt. Er liest den "Process" als realistischen Roman und kommt daher zu Fehldeutungen, die Chronologie betreffend.

 

Watfe: Es ist klar, dass Karl Roßmann eine Verfallslinie durchläuft. Macht Josef K. das Gleiche? Oder ist die Entwicklung bei ihm etwas anders?

 

Alt: Karl Roßmann durchläuft weniger eine Verfallslinie als einen Prozess - und das gilt, im wörtlichen Sinn, auch für Josef K. Allerdings lernen beide dabei nichts.  Und das begründet bei Josef K. den Untergang, während Karl Roßmann einfach in der Weite Amerikas verschwindet.

 

Watfe: Am Anfang schwankte ich zwischen Bewunderung und Ratlosigkeit. Vor etwa 15 Jahren entschied ich mich für die Kapitelfolge, die Herr Eschweiler aufstellte. Mein Buch enthält ein Kapitel, in dem alle anderen Theorien über die Kapitelfolge ausführlich und genau aufgelistet sind. Somit hat der arabische Leser alle Thesen in einem Band. Jetzt aber habe ich starken Zweifel an meiner damaligen Entscheidung. Da ich etwas lernfähig bin, das Leben ein Lernprozess ist, diese Kapitelfolge ohne Echo blieb und weil Ihre Interpretation mich überzeugte, würde ich gerne diese andere Kapitelfolge in der nächsten Auflage im Arabischen ändern, wenn Sie mir dazu raten.

Alt: Siehe oben: Vorsicht vor Hinweisen, die sich etwa an den Angaben zu den Jahreszeiten bei Kafka orientieren. Der Roman ist hier mehrdeutig, vieles ein Spiegel des Inneren. Ich folge der Gliederung in der Ausgabe von Pasley.

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(*) Peter-Andre` Alt: „Ästhetik des Bösen“, 714 S. (2010). 

 

2014